Der amerikanische Autor Elmore Leonard hat vor einigen Jahren  in einem launigen, selbstironischen Artikel für die New York Times seine „10 Rules of Writing – 10 Regeln des Schreibens“ formuliert. Der Autor von Romanen wie „Get Shorty“ oder „Jackie Brown“ ist nicht nur ein genialer Erzähler, sondern auch ein brillanter Stilist. Es lohnt sich also, sich mit dem Artikel und den darin formulierten Regeln auseinanderzusetzen.

Leider haben sich diese Regeln jedoch verselbstständigt und werden Autoren in Schreibschulen gerne mal unter die Nase gerieben – allerdings ohne die selbstironischen Erläuterungen von Leonard und oft über die Bezeichnung „Gebote“ zu quasi-religiösen Dogmen erhoben.

Zeit also, sich mit diesen „Geboten“ einmal kritisch auseinanderzusetzen und zu sehen, welche Lehren sich daraus ziehen lassen.

Die „10 Regeln des Schreibens“

  1. Fange nie ein Buch mit dem Wetter an.
  2. Vermeide Prologe.
  3. Verwende beim Schreiben von Dialogen nie ein anderes Verb als „sagen“.
  4. Modifiziere „sagte“ nie mit einem Adverb.
  5. Verwende Ausrufezeichen sparsam.
  6. Schreibe niemals „plötzlich“ oder „Die Hölle bricht aus“.
  7. Dialekte sollte man sparsam einsetzen.
  8. Vermeide detaillierte Beschreibungen von Personen.
  9. Beschreibe Orte und Dinge nicht zu detailliert.
  10. Lass alles weg, was Leser ohnehin überspringen.

Leonard fasst diese Regeln übergreifend zusammen:

„If it sounds like writing, I rewrite it.“ – „Wenn es geschrieben klingt, schreibe ich es um.“

Regel #1: Fange nie ein Buch mit dem Wetter an.

Wenn Sie Peanuts-Fan sind wie ich, dann haben Sie bei dieser Regel bestimmt geschmunzelt. In endlos vielen Comicstrips versucht Snoopy seinen großen Roman zu Papier zu bringen. Der erste Satz lautet stets: „Es war eine finstere, stürmische Nacht.“

Auch der in seiner Kreativität blockierte Schriftsteller aus „Schmeiß die Mama aus dem Zug“ ringt immer wieder mit dem ersten Satz: „Die Nacht war schwül.“

Genau auf diesen Aspekt hebt Leonard übrigens ab: Auf den verzweifelten Versuch via Beschreibung des Wetters Atmosphäre zu schaffen. Natürlich ist der von Regenwolken verhangene Himmel oft stimmungsvoll, ebenso die von Gewitterblitzen zerrissene Nacht oder auch der Sonnenschein unter strahlendem Azur Mit wenigen Worten lässt sich so eine Stimmung erfassen, die sich in 99,9 % der Fälle auch mit dem Erfahrungshorizont der Leser deckt. Allerdings steckt auch genau darin das Problem:

„Sprich im Zweifelsfall über das Wetter“, raten Konversationsratgeber. Denn das Wetter ist ein Klischee. Und Klischees sollte man ja vermeiden wie der Teufel das Weihwasser (Pointe beabsichtigt).

Darüber hinaus – und das ist Leonards zweiter Punkt – interessieren uns als Leser vorrangig Menschen. Verharren wir als Autoren also gerade am Anfang eines Buches zu lange bei der menschenfreien Beschreibung – nicht nur des Wetters, sondern auch der übrigen Szenerie – in der Hoffnung, so die rechte Stimmung zu schaffen, scheitern wir recht rasch, wenn wir nicht gerade der Rembrandt oder der Vermeer der Szenenbeschreibungen sind – doch auch die Bilder dieser Meister leben von den Menschen, oder zumindest von den Spuren, die sie hinterlassen.

Leser wollen Handlungen und Menschen und das möglichst rasch. Wenn wir also schon mit dem Wetter beginnen müssen, dann in direktem Bezug zu einer handelnden Person.

Also nicht:

Unter stahlblauem Himmel brannte die Sonne gnadenlos auf den Sand der Sierra Nevada herab.

Sondern lieber:

Der heiße Wüstensand staubte unter seinen wütenden Schritten. Wenn er noch länger wartete, würde er einen schweren Sonnenbrand bekommen. Seine Nase würde sich schälen und er würde den Rest des Sommers mit einer rosigen Gurke im Gesicht herumlaufen.

Ich würde diese Regel also folgendermaßen formulieren:

Beginne ein Buch mit Handlung und nicht mit Beschreibung.