Lesen darf (und soll) Spaß machen

Ja, auch uns Autoren. Denn wie wollen wir Freude spenden, wenn wir sie nicht empfinden?

Dennoch sollte man sich als Autor ein paar Gedanken dazu machen, wie man vom Lesen für das Schreiben profitiert – jenseits der Osmose, die ohnehin stattfindet, wenn man sich guter Kunst in ausreichendem Maße aussetzt.

Hier also ein paar Tipps zum richtigen Lesen. Dabei widme ich mich in dieser ersten Folge der Fiktion. Über Sachtexte spreche ich ein anderes Mal.

Rein in den Ohrensessel oder ins Bett – und los geht’s

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Überrascht? Ich hatte es doch schon gesagt: Lesen darf und soll Spaß machen. Und so werden Leser später auch unsere Texte lesen. Es ist also nicht verkehrt, diese Haltung einzunehmen. Außerdem ist Lesen auch für uns Autoren Freizeitgestaltung –wenn wir es anstrengend wollen, können wir auch einen Dauerlauf machen.

Ob nun Ohrensessel, Sonnenliege oder Kaffeehaustisch: Lesen wir zunächst einmal zum Vergnügen – natürlich mit einem wachen Auge.

Doch worauf achten? Ich wage jetzt mal zu behaupten: Etwa achtzig Prozent der Bücher, die wir lesen, erfüllen ihren Job unauffällig und unterhalten uns mal mehr, mal weniger gut.

Interessant wird es bei den restlichen zwanzig Prozent: Den Büchern, die uns entweder besonders packen (nennen wir sie mal, der Einfachheit halber, besonders gute Bücher), oder jene, die uns über die Maße langweilen, über die wir uns ärgern oder die – auch das kommt vor – physisches und psychisches Unwohlsein erregen: die besonders schlechten Bücher.

Über die besonders schlechten Bücher und den produktiven Umgang damit ein anderes Mal mehr, hier nur so viel: Wenn ich genau ausmachen kann, warum ich ein Buch als schlecht empfinde, dann lohnt es sich nicht, es weiterzulesen oder gar zu analysieren. Also weg damit.

Die besonders guten Bücher lohnen aber zumeist einen weiteren Blick – und sei es nur, um das Lesevergnügen zumindest in Teilen zu wiederholen. Außerdem – als Autoren sind wir ja Lernende – bringt uns eine weitere, analytischere Lektüre genaueren Aufschluss darüber, warum uns das Buch so gut gefällt. Und vielleicht gibt es dabei den einen oder anderen Trick zu lernen.

Eine weitere Kategorie der Bücher, die den zweiten Blick lohnen, sind besonders erfolgreiche Bücher: Nicht so sehr der Stoff von den schnelllebigen Bestsellerlisten, sondern die Klassiker und Quasi-Klassiker, die sich seit Jahrzehnten halten – insbesondere jene des eigenen Genres: Für mich als Krimiautor ist beispielsweise die Lektüre von Agatha Christie noch immer Anschauungsunterricht im ökonomischen und fesselnden Erzählen.

Analytisch lesen – aber wie?

Den einen oder anderen mag es jetzt gruseln. Er mag sich an den Deutschunterricht erinnert fühlen, an die dräuende Frage: „Was will uns der Autor sagen?“ Andere, etwa solche mit einem geisteswissenschaftlichen Abschluss, werden abwinken: „Analytisch lesen? Kenn ich. Kann ich.“

Nur: Klassische hermeneutische Ansätze – die Frage nach der Bedeutung im weitesten Sinne – bringen uns als Autoren nicht unbedingt weiter. Womit nicht gesagt sein soll, dass man sich als Autor nicht bewusst sein sollte, was man schreibt und welche Deutungsmöglichkeiten das Geschriebene bietet. Das oft elegisch dahingehauchte „Wenn ich die Bedeutung wüsste, dann würde ich sie schreiben. Ich nenne den Himmel blau, weil er blau ist; das ist die ganze Bedeutung“ ist Bullshit: Gute Autoren wissen, was sie schreiben (ziehen es nur vor, nicht darüber zu sprechen).

Genug der Polemik: Die Frage nach der Bedeutung bringt uns nicht weiter. Eher schon der im weitesten Sinne dekonstruktivistische Ansatz, der danach fragt, wie sich eigentlich die Bedeutung in einem Text konstruiert – wie sich etwa die Produktionsbedingungen in den Text einschreiben.

Damit kommen wir zumindest schon mal in die Nähe der für uns Autoren eigentlich interessanten Frage:

Wie ist es gemacht?

Genau das wollen wir ja wissen – um davon zu lernen, wie der Geselle vom Meister lernt. Und natürlich – seien wir doch mal ehrlich – um die cleversten Tricks zu stehlen.

Was interessiert uns an einem Text eigentlich genau?

Bevor wir nun anfangen zu analysieren, sollten wir uns fragen: Welche Elemente eines Textes interessieren uns eigentlich besonders? Warum beeindruckt er uns? Sind es die lebendigen Charaktere? Der Plot, der uns ängstlich an den Nägeln kauend Seite um Seite umblättern lässt? Die satirischen und doch trefflichen Umschreibungen der Realität? Der ganz besondere Umgang mit den Werkzeugen der Sprache?

Danach sollten wir – wenn wir es nicht schon wissen – bei der zweiten Lektüre Ausschau halten. Diese Elemente verdienen dann unsere besondere Aufmerksamkeit.

Das klingt mühsam und ist es zuweilen auch. Gerade bei längeren Texten, die zudem sehr gut darin sind, ihre Mittel zu verbergen. Manchmal ist auch das Gesuchte so offensichtlich, dass man es – den Bäumen im Wald gleich – übersieht. So habe ich mich bei einem Thriller lange gefragt, wie das Buch so ein hohes und mitreißendes Tempo entwickeln kann. Erst beim vierten Mal lesen ist es mir aufgefallen: Das ganze Buch steht im Präsens. Das erzeugt eine Atemlosigkeit und Unmittelbarkeit, der man sich nur schwer entziehen kann.

Ein anderes Beispiel (das ich gnadenlos übernommen habe): Ich habe mich immer gefragt, wie Agatha Christie es schafft, so interessante Charaktere zu schaffen und gleichzeitig so ökonomisch zu erzählen. Zum einen hat jeder Charakter (auch in ihren personenreichsten Büchern) stets eine ganz klare Aufgabe im Rahmen der Handlung. Niemand ist nur Zierrat. Das ist selbstverständlich? Stimmt, das sollte es sein, doch ich bin in so manchen Romanen sehr vielen, sehr überflüssigen Figuren begegnet.

Die andere Stärke: Agatha Christie beherrscht den Umgang mit dem Klischee perfekt. Sie erschafft Charaktere, die wir geradezu archetypisch sofort wiedererkennen und die daher nicht viel Beschreibung benötigen – etwa die englische Lady auf Reisen. Interessant werden die Charaktere jedoch dadurch, dass sie jeweils eine Eigenschaft erhalten, die heraussticht; sei es in der Kleidung, im Verhalten oder im Charakter. Miss Marple ist eine reizende, alte Dame von gutem Allgemeinzustand – bis auf ihre übertriebene Neugier. Justice Lawrence Wargrave ist der Inbegriff des britischen Justizwesens, der es mit der Gerechtigkeit dann doch etwas zu genau nimmt. Sie begegnen ihm in „Da waren es nur noch neun“.  Und das sind nur Extrembeispiele. Achten Sie mal darauf, wie Agatha Christie selbst kleine Nebenfiguren durch ein Detail bemerkenswert macht, das nicht ins Bild passt. Das ist ein Trick, den ich gnadenlos geklaut habe.

Ein Hoch auf die Subjektivität

Das analytische Lesen des Autors unterscheidet sich in einem Faktor ganz wesentlich vor der Lektüre des Literaturwissenschaftlers oder Kritikers: Wir sind nicht um Allgemeingültigkeit bemüht, sondern lassen uns von unserer individuellen Leseerfahrung leiten. Wir treten in einen Dialog mit dem berühmten Kollegen, aus dem wir unsere persönlichen Lehren ziehen; meiner Meinung nach eine bessere Schule als alle Patentrezept-Schreibratgeber der Welt zusammengenommen.

Apropos Dialog mit dem Autor: Es ist übrigens nicht Schlimmes dabei, diesen Dialog nicht nur textimmanent zu führen. Viele Autoren geben gerne Auskunft, wenn man ihnen eine klare Frage stellt. Andreas Eschbach zum Beispiel hat eine ganze Abteilung seiner Website diesen Fragen gewidmet. Man sollte sich allerdings nicht wundern, wenn der angesprochene Autor selbst ganz überrascht ist, wenn man ihm eine Beobachtung beschreibt. Von mir wollte zum Beispiel ein Leser einmal wissen, warum ich Personen häufig anhand ihres Handschlags charakterisiere – und ob das eine Art von „Show, don’t tell“ ist. Mir war das bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht aufgefallen. Aber der Leser hatte recht: Der Handschlag ist eine Handlung, die sich rasch in Worte fassen lässt und sehr viel über eine Person aussagt. Und ich beurteile Menschen auch in meinem Alltag oft nach dem Handschlag.

Anders ausgedrückt: Ich bin zwar alles andere als berühmt und selbst ein Lernender, aber wenn Sie Fragen haben, antworte ich gerne; sofern ich es vermag.