Das Thema „Überarbeitung“ kommt im Q&A-Teil meiner Lesungen häufig auf. Erstaunlicherweise ist die Frage, die ich zum Thema „Überarbeitung“ gestellt bekomme, nicht die nach dem Wie, sondern ob ich meine Texte nach dem Schreiben überarbeite. Und ob man das generell müsse.

Die kurze Antwort ist: Ja.

Die etwas längere Antwort: Kein Mensch, erst recht kein Autor, ist perfekt. Es mag die Mozarts des Schreibens geben, die ganze Romane in der ersten Fassung perfekt zu Papier bringen, aber ich bin noch keinem begegnet – wohl aber vielen, die glauben, es zu sein. Autoren, die nicht überarbeiten, oder dem Überarbeiten nicht mindestens genauso viel Aufmerksamkeit widmen wie dem eigentlichen Schreiben, sind Amateure.

Als Autor gewöhnt man sich am besten gleich an, der eigene strengste Kritiker zu sein. Das erspart einem spätere Prügel von Lesern und Kritikern zwar nicht ganz, aber sie tun dann schon nicht mehr so weh.

„Aber meine Texte sind doch meine Kinder!“, höre ich die Amateure unter meinen Kollegen rufen? Eben! Verwöhnte, nie kritisierte Kinder werden fett und ungezogen. Und auch Texte muss man hin und wieder in ihre Grenzen weisen.

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich ja schreiben, wie ich überarbeite. Wie immer: Kein Patentrezept, aber zumindest in meinem Arbeitsfluss bewährt.

Arbeiten in Schichten

Wie auch ein Maler, der mit der Skizze beginnt und sich dann Farbschicht für Farbschicht zum fertigen Bild vortastet; wie der Musiker, der mit der simplen Melodie, der Akkordfolge beginnt, um dann immer komplexer zu arrangieren; so gehe ich auch beim Schreiben und Überarbeiten vor: In Schichten. Immer wieder gehe ich von vorne nach hinten durch den Text (und manchmal auch von hinten nach vorne). Dabei hat jede Schicht ihre klare Aufgabe, auch wenn ich unterwegs schon mal nach Sprachschlampereien, Tippfehlern oder möglichen Strichen Ausschau halte; ein entdecktes Problem sollte man zumindest farbig markieren oder besser gleich lösen. Dann vergisst man es später nicht.

Überarbeitung von Gebrauchstexten

Wie einige wissen, texte ich beruflich für Werbung und Unternehmenskommunikation. In dieser Branche ist Zeitdruck normal, Deadlines knapp – und Toleranzen für Fehler gleichzeitig gering. Deshalb habe ich für mich einen strikten Prozess definiert, der die einzelnen Schichten des Textes abbildet:

Erste Fassung: In dieser Fassung schreibe ich alle notwendigen Bestandteile. Da ich klare Kundenvorgaben und ein genau definiertes Textkonzept habe, muss ich dabei nicht chronologisch vorgehen. So schreibe ich etwa Headlines und Slogans zuletzt.

Kürzung: Meine ersten Fassungen sind praktisch immer zu lang. Bei anderen Textern sind sie mitunter zu kurz. In jedem Fall bringe ich jetzt den Text auf die richtige Länge.

Inhalte: Die gekürzte Fassung überprüfe ich anhand der Vorgaben auf inhaltliche Richtigkeit und Vollständigkeit.

Sprachlicher Feinschliff: Die gröbsten sprachlichen Fehler und Probleme habe ich schon in den vergangenen Fassungen beseitigt. Jetzt geht es an die Detailarbeit. Diese Fassung braucht mitunter länger als die ursprüngliche Niederschrift.

Lautlesen: Jetzt lese ich mir den Text laut vor. Das hat den Vorteil, dass ich zum einen sehr genau lese, zum anderen jedes Rhythmus-Problem und jede sprachliche Unsauberkeit höre: Ein guter Text klingt gut, auch wenn er später nur gedruckt wird.

Korrekturlesen: Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik – mir ist noch kein Text untergekommen, der gänzlich fehlerfrei wäre. Dennoch sehe ich mich als Autor in der Pflicht, so fehlerfrei wie möglich zu arbeiten. Beim Korrekturlesen gehe ich übrigens oft von hinten nach vorne vor, um mich vom inhaltlichen Fluss nicht ablenken zu lassen. Auch hilft es, das Dokument übergangsweise in einen anderen Font zu konvertieren.

Abschließendes Lautlesen: Wenn ich die Zeit (und auch die Räumlichkeit) habe, lese ich den Text jetzt noch einmal laut oder zumindest halblaut.

An dieser Stelle wandert der Text dann zum Kunden. Dort geht er in der Regel durch eine oder mehrere Revisionen. Es gibt Änderungen und Änderungswünsche; viele machen den Text besser, oft wollen sich aber die Leser auch gerne selbst verewigen – oder spüren zumindest den Druck, irgendetwas ändern zu müssen. Deshalb ist die nächste Fassung die …

Debattenfassung: Wenn genügend Zeit ist, gehe ich die gewünschten Änderungen mit dem Kunden gerne gemeinsam durch. Oft ist das von ihm Vorgeschlagene zwar inhaltlich richtig, doch es gibt eine bessere sprachliche Lösung.

Korrektur-/Lautlesen: Anschließend lese ich den Text noch einmal Korrektur, und zwar, wenn möglich, laut oder halblaut. Dieser Text wandert dann in die Endkontrolle.

Theoretisch ist meine Arbeit dann erst mal beendet, auch wenn ich einen abschließenden Blick aufs fertige Layout werfe. Allerdings kommt es nach der Vorstellung der Layouts beim Kunden gerne noch zu einer zweiten Runde, denn oft werden die eigentlichen Entscheider erst jetzt hinzugeholt – die eventuell ihre ganz eigenen Vorstellungen haben. Gut, wenn man dann schon eine erste Kundenfreigabe hat – denn dann kann man alle weiteren Änderungen extra berechnen.

Überarbeitung meiner Romanmanuskripte

Die neun Schichten beim Gebrauchstext sind schon viel? Meine Romane überarbeite ich noch viel exzessiver. Bei meinem letzten Projekt habe ich mir einmal das Vergnügen gegönnt, die erste vollständige Fassung und die Fassung, die ich abgegeben habe, zu vergleichen: Übereinstimmungsquote 9 %. 91 % des Textes habe ich also im Laufe der Überarbeitung mehr oder weniger stark geändert.

Auch beim Roman arbeite ich in Schichten:

Materialberg-Fassung: In dieser Fassung schreibe ich erst mal frei von der Leber weg: Ich will vor allem sehen, ob der Stoff und die geplante Erzählweise funktionieren. Oft fallen mir in dieser Fassung auch Probleme mit meinem Storyboard auf: Ich habe zum Beispiel die Tendenz, bei Adam und Eva anfangen zu wollen. Bei drei der vier Katharina-Klein-Krimis sind in dieser Fassung bereits die ursprünglich geplanten Anfangskapitel über die Klinge gesprungen. Die Bücher beginnen jetzt mit dem, was ursprünglich mal das zweite oder dritte Kapitel war.

Die Materialberg-Fassung führe ich übrigens oft nicht zu Ende. Aus dem Material entsteht aber die Grundlage für die …

Erste vollständige Fassung: Die berühmte erste Fassung, die ja bekanntlich Bullshit ist, wie es Ernest Hemingway ausdrückte. Entsprechend bekommt die außer mir auch niemand zu sehen. Nach Vollendung mache ich trotzdem den alkoholfreien Cidre auf (ich trinke aus gesundheitlichen Gründen keinen oder kaum Alkohol) und lasse den Text anschließend eine Woche oder länger liegen.

Storytelling Fixes: In dieser Fassung beschäftige ich mich ausschließlich mit dem Storytelling. Ist die Story stringent erzählt? Gibt es ausreichend Wendepunkte? Sind die Spannungsbögen klar? Fehlt irgendwo etwas?

Zu dieser Fassung hole ich mir das erste Mal externes Feedback, und zwar von Personen, auf deren Urteil ich vertraue – auch wenn es kritisch ausfällt. Ich bitte sie speziell um Feedback zum Storytelling und zu den Charakteren.

Erste Feedback-Fassung: In dieser Fassung arbeite ich das Feedback ein.

Diät-Fassung: Ich nenne sie Diät-Fassung – auch wenn ich in dieser Zeit meistens zunehme (beim Schreiben der ersten Fassungen nehme ich zumeist ab). Jetzt kürze ich den Text. Entweder muss ich ihn ohnehin auf die geeignete Länge bringen: Bei den Katharina-Klein-Krimis war die Verlagsvorgabe 750.000 Zeichen, die ersten Fassungen waren zwischen 850.000 und 950.000 Zeichen lang. Oder ich mache mir selbst eine Vorgabe, etwa: 10 % müssen raus.

Glättungsfassung: Die Diät-Fassung lasse ich dann erst einmal ein wenig liegen, wenn ich die Zeit habe. Dann gehe ich den Text durch und schaue, welche Ecken, Kanten und Stolperfallen die Kürzungen hinterlassen haben. Manchmal bin ich auch übers Ziel hinausgeschossen und mache ein paar Striche wieder auf.

Erneut müssen jetzt die Testleser ran: Die gleichen wie auch schon beim ersten Mal. Und eventuell noch jemand, der den Text noch nicht kennt, um eine frische Perspektive zu erhalten.

Zweite Feedback-Fassung: In dieser Fassung arbeite ich erneut das Feedback ein.

Sprachlicher Grobschliff: Hier versuche ich, sprachliche Probleme zu orten und zu beseitigen. Dabei handelt es sich oft um Probleme und Manierismen, die sich durch den ganzen Text ziehen; etwa bestimmte Phrasen oder Wörter, in die ich mich zu sehr verliebt habe. Auch manche ehemals sprühende Pointe, die sie als reine Albernheit entpuppt, so manches schiefe Bild oder die doch nicht so clevere Formulierung – all das springt jetzt über die Klinge.

Sprachlicher Feinschliff: Jetzt geht es an die Details. Jeder Satz wird noch einmal abgeklopft. Dazu gehe ich gerne von hinten nach vorne vor, um mich vom Handlungsfluss nicht beeinflussen zu lassen.

Lautlesen: Ihr habe es erraten: Auch einen Roman lese ich mehrfach laut. Bei meinem letzten Roman habe ich sogar eine Lesung aufgenommen und dann anschließend beim Überarbeiten abgehört.

Jetzt geht der Text wieder an die Testleser (wenn sie noch nicht völlig entnervt sind); hier kommen auch zum ersten Mal „Fremde“ ins Spiel, z. B. Leserinnen oder Leser, mit denen ich über meine früheren Romane ins Gespräch gekommen bin.

Dritte Feedback-Fassung: In dieser Fassung arbeite ich – ihr habt es erraten – erneut das Feedback ein.

Lautlesen: Aufgabe dieser Fassung ist weiterer sprachlicher Feinschliff.

Korrekturlesen: Mit externer Hilfe gehe ich den Text jetzt auf Fehler durch.

Abschließendes Lautlesen/Abgabe-Fassung: Diese Fassung dient eigentlich nur der nochmaligen Bestätigung und zur Beseitigung der allerletzten Staubkörnchen.

Diese Fassung ist dann jene, die an den Verlag und/oder ins Lektorat geht. Fertig? Weit gefehlt. Der Nahkampf mit dem Lektorat geht dann über mindestens zwei Runden:

Erste Lektoratsrunde: Der/die Lektor*in hat jetzt systematisch die Finger auf die Wunden gelegt und Lösungen vorgeschlagen. Jetzt ist es meine Aufgabe, mit diesem Feedback umzugehen: Oft hat der/die Lektor*in recht, manchmal eben auch nicht. Oder es gibt zumindest eine bessere Lösung.

Diese Fassung, mit zahlreichen Änderungen und Kommentaren, geht wieder ans Lektorat zurück.

Zweite oder X-te Lektoratsrunde: Über eine oder mehrere Runden sind dann alle Probleme gelöst. In dieser Fassung arbeite ich dann das finale Feedback ein.

Lautlesen/Abschlusskorrektur:  Ein letztes lautes Lesen, eine abschließende Korrekturrunde, dann ist der Text „locked“ und von mir aus fertig für den Satz.

Der Verlag lässt das Manuskript dann in der Regel noch einmal extern korrigieren. Dabei geht es, wohlgemerkt, nur um Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung – Korrekturleser*innen, die sich als Lektoren gebärden, sind ihren Job recht rasch los, da sie den Workflow unnötig aufhalten.  Das korrigierte Manuskript wird dann gesetzt. Und jetzt habe ich die letzte Möglichkeit zum Eingriff:

Die Fahnenkorrektur: Ich erhalte das endgültige Layout, entweder gedruckt oder als PDF, zur Durchsicht. Es gibt Autoren, die jetzt noch massiv überarbeiten – und auch mir ist einmal aufgefallen, dass ich unbedingt einen Absatz ergänzen musste. Aber eigentlich geht es jetzt um Fehler, die sich aus der Gestaltung ergeben. Falsche Trennungen, ungeschickte Umbrüche, manchmal werden Zeichen auch falsch konvertiert oder es hat der eine oder andere Tippfehler den Weg durch die Kontrollen gefunden.

Freigabe: Es mag an meiner Herkunft aus der Werbung liegen, oder daran, dass ich ein unerträglicher Kontroll-Freak bin: Ich will die korrigierten Fahnen noch einmal sehen, um sicherzustellen, dass alle Korrekturen umgesetzt wurden. Erst dann erteile ich die Freigabe.

Fazit

Sind meine Romane und anderen Texte nach so vielen Schritten perfekt? Sicher nicht. Ich verstehe mich als fortgeschrittenen Anfänger. Bei jedem neuen Projekt ist die Lernkurve entsprechend steil – aber das ist ja auch der Spaß dabei. Was ich aber garantieren kann: Meine Texte sind so gut, wie ich es zu diesem Zeitpunkt vermag. Das mag vielen Leser*innen ausreichen, manchen nicht. Letztere werden nicht müde, mich auf Fehler und Probleme hinzuweisen. Und das ist auch gut so, so lange die Kritik sachlich ist: Denn nur so komme ich weiter.