Prolog: Eine Zugfahrt
Ein Zugabteil, markiert durch zwei entsprechende Bänke. Zuggeräusche, später eine Ansage.
Wenn das Licht angeht, sieht man Jonathan Hansen und seine Frau Katharina sich gegenübersitzen. Sie tragen Reisekleidung und jeder hat eine Reisetasche als leichtes Handgepäck. Beide lesen, sie ein edel aussehendes Buch, er eine Zeitung.
Jonathan Hansen ist ein hochgewachsener Mann Ende Zwanzig, in der Haltung straff-militärisch. Aufgrund einer Kriegsverletzung hinkt er ganz leicht und muss sich gelegentlich auf einen Stock mit Silberknauf stützen, den er immer bei sich trägt.
Katharina, seine Frau, ist ein paar Jahre jünger als er und eine wirkliche Schönheit, eher 19. Jahrhundert als zwanziger Jahre. – Eine Frau, die jeder Vampyr begehrt…
Sie lesen. Sie haben schon eine beschwerliche Reise von Berlin hinter sich, doch jetzt ist das Ziel nicht mehr weit.
KATHARINA: (bricht das Schweigen) Ist es noch weit?
JONATHAN: Höchstens zwei Stunden…
KATHARINA: (stöhnt leise) Zwei Stunden noch…
JONATHAN: Und in Husum holt uns ein Automobil ab. Wir sind dann im Nu in Broiversum.
KATHARINA: Broiversum: der Mittelpunkt der Welt. – Ich verstehe nicht, warum wir nicht in Berlin bleiben konnten. Staatsanwalt Spreemann hält doch große Stücke auf Dich.
JONATHAN: Ich eigne mich nicht zum Staatsanwalt – ich will Recht sprechen, nicht anklagen.
KATHARINA: (zärtlich) Mein gerechter Jonathan.
JONATHAN: Außerdem gibt es schlechtere Orte als Broiversum. – Schau mal, bei der politischen Lage – und… ich will nicht, dass meine Familie in Berlin lebt. Erst gestern haben sich wieder zwei Banden geschossen. Mitten auf dem Kurfürstendamm. Und Du warst doch dabei beim Schuhmann-Prozess.
KATHARINA: Dein großer Fall…
JONATHAN: Vierundzwanzig Morde haben wir ihm nachweisen können. Alles Paare.
KATHARINA: Ich weiß, mein Schatz…
JONATHAN: Mein Gott, er ist einfach in den Wald gegangen und hat geschossen. Wie auf der Jagd. – Völlig grundlos.
KATHARINA: Jetzt wird er ja hingerichtet.
JONATHAN: (im Eifer des Gerechten) Recht geschieht ihm. – Oder dieser Hannoveraner, Haarmann. 50 hat er angeblich umgebracht. Und verspeist!
KATHARINA: Jetzt hörst Du Dich an wie der junge van Helsing.
JONATHAN: Ich kann mir gut vorstellen, dass Mies nach Hannover fährt, um den Prozess zu sehen…
KATHARINA: Oh ja, er liebt Schauergeschichten.
JONATHAN: Das sind aber keine Schauergeschichten. Wo man hinschaut… – Es ist keine gute Zeit, in den großen Städten zu leben.
KATHARINA: Aber ausgerechnet Broiversum, ein Dorf…
JONATHAN: Eine Stadt…
KATHARINA: Ein Städtchen! An der Nordseeküste. Da hättest Du auch nach Waldberg gehen können.
JONATHAN: Zurück nach Schwaben? In dieses stickige Provinzdorf? Ich danke. – Außerdem ist es ja nicht für ewig. Ich werde meine Erfahrungen sammeln, und dann…
KATHARINA: Wirst Du rasch befördert…
JONATHAN: Genau. Und sofort Amtsrichter, das ist doch nicht schlecht.
KATHARINA: Ich freue mich ja für Dich.
JONATHAN: Ach, das wird schön. Was gibt es da schon zu verhandeln? Ein paar Landstreitigkeiten. Ich habe die Akten gesehen. Weißt Du, was der kriminalistische Höhepunkt war?
KATHARINA: (nicht neugierig) Was?
JONATHAN: Der Diebstahl einer Kuh! Und das in dieser Zeit!
KATHARINA: (ironisch) Eine Idylle.
JONATHAN: Genau. Du wirst sehen, fünf ruhige, idyllische Jahre und dann… Landesgericht! Oder höher!
KATHARINA: Ist Dein Vorgänger nicht im Amt verstorben?
JONATHAN: Ein Unfall!
KATHARINA: Wenigstens nicht an Altersschwäche!
Schweigen. Jonathan vertieft sich wieder in seine Zeitung. Katharina greift wieder zu ihrem Buch. Kurze Zeit lesen sie. Katharina kichert in sich hinein, immer wieder über den Buchrand ihren Mann anblickend. Jonathan ist zusehends irritiert. Er schlägt die Zeitung zu.
JONATHAN: Sag mal, warum kicherst Du eigentlich die ganze Zeit?
KATHARINA: Ich?
JONATHAN: Was liest Du da so Komisches?
KATHARINA: (unschuldig) Komisches?
JONATHAN: Die ganze Zeit kicherst Du. Und dann schaust Du mich an… Also, was liest Du?
KATHARINA: Kleist…
JONATHAN: (überrascht) Kleist?
KATHARINA: „Der zerbrochene Krug“…
JONATHAN: (säuerlich) Soso.
KATHARINA: Ich muss doch wissen, was mich erwartet als Gemahlin des Amtsrichters von Broiversum. (lacht) Aber eines sage ich Dir: Wenn Du der Dorfschönen nachstellst, sei versichert: Meine Türklinke trifft ihr Ziel.
JONATHAN: Mit der schönsten Frau im Dorf bin ich verheiratet.
Er beugt sich vor, um sie küssen. Sie steht auf, um ihn abzuwehren.
KATHARINA: Nicht doch! Wenn uns jemand sieht!
JONATHAN: Na und? Wir sind schließlich verheiratet.
KATHARINA: Aber das schickt sich nicht – in aller Öffentlichkeit!
JONATHAN: Öffentlichkeit? Wir sind völlig allein.
Er zieht sie zu sich heran und nimmt sie in den Arm.
JONATHAN: Ich liebe Dich, Katharina.
KATHARINA: Ich liebe Dich, Jonathan.
Sie küssen sich zärtlich.
Der Zug kommt zum Halt. Vom Bahnsteig her hört man: „Heide! Hier Heide!…“
Sie setzen sich, auf dieselbe Seite, Jonathan legt den Arm um Katharinas Schulter. Sie lehnt sich an ihn.
Eine alte Frau kommt, mit einem Koffer. Jonathan und Katharina fahren auseinander.
FRAU: Hier noch etwas frei?
JONATHAN: Aber selbstverständlich… Warten Sie, ich helfe Ihnen…
Er hebt ihren Koffer in das Gepäcknetz.
FRAU: Danke, junger Mann.
JONATHAN: (grüßt sie straff und höflich) Hansen, Jonathan Hansen.
KATHARINA: (stolz) Richter Hansen.
FRAU: Richter?
KATHARINA: Frisch ernannter Amtsrichter von Broiversum.
FRAU: (erstarrt) Broiversum? Sie fahren nach Broiversum?
JONATHAN: Ja! Ist das so erstaunlich?
FRAU: (zu Katharina) Das ist kein guter Ort. Gar kein guter Ort. – Schon gar nicht für eine so junge und schöne Frau wie Sie…
JONATHAN: (jovial-großstädtisch) Schlimmer als Berlin kann es doch gar nicht mehr…
FRAU: (streng) Junger Mann! Wenn Sie wissen, was gut für Sie und Ihre Frau ist, steigen Sie in Husum in den nächsten Zug zurück nach Berlin.
JONATHAN: Gute Frau…
KATHARINA: Nein, Jonathan! Ich will hören, was sie zu sagen hat.
FRAU: Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt. Drehen Sie um! Fahren Sie nach Hause.
JONATHAN: Das kommt überhaupt nicht in Frage. – Und jetzt hören Sie auf, meine Frau zu ängstigen.
FRAU: Kind, ich meine es nur gut mit Ihnen. – Warten Sie…
Sie kramt in ihrer Handtasche.
JONATHAN: Ich weiß wirklich nicht, was Sie das angeht.
FRAU: (hat gefunden, was sie gesucht hat) Es geht mich alles an, junger Mann. Aber das werden Sie auf Ihrer törichten Reise schon noch herausfinden. (gibt Katharina einen undefinierbarem Gegenstand) Hier! Nehmen Sie das! Vielleicht kann es Sie schützen!
KATHARINA: Was ist das?
FRAU: Ein Roibenknoten… ein Talisman! Tragen Sie ihn immer bei sich. Vielleicht kann er sie schützen.
JONATHAN: Jetzt ist aber genug mit diesen Schauermärchen!
FRAU: (schaut ihn streng an, Jonathan schweigt) Sie werden sich an meine Worte erinnern, Herr Richter! (sanft, zu Katharina) Und verschließen Sie nachts gut die Fenster und Türen! Broiversum ist kein guter Ort!
Während die Zuggeräusche lauter werden, wird es langsam dunkel.

