»Ich bin heute ein Rollmops«, ___ er.
Ja, was eigentlich? Sagte er es? Schrie er? Flüsterte er? Verkündete, diktierte oder faselte er?
Beim Schreiben von Dialogen stehen wir als Autorinnen und Autoren unweigerlich und immer wieder vor der Aufgabe, unserem Publikum zwei essentielle Dinge zu vermitteln: Wer spricht da gerade? Und – sofern es sich nicht ohnehin organisch aus dem Kontext des Gesagten ergibt – wie genau wird gesprochen?
Diese entscheidenden Informationen transportieren wir im Text sehr häufig über eine sogenannte Qualifizierung der wörtlichen Rede. Doch wie gelingt uns das nicht nur handwerklich richtig, sondern auch stilistisch elegant? Genau darum soll es in diesem Leitfaden gehen.
Das Dogma des »sagte« und die Zeugen Leonards
In seinen weithin bekannten und viel zitierten »Ten Rules of Writing« rät der amerikanische Schriftsteller Elmore Leonard im Grunde dazu, Dialogsätze im Text möglichst für sich allein stehen zu lassen. Diese Methode soll den Lesenden ihr ganz eigenes Kopfkino erlauben, weshalb Leonard empfiehlt, mit Qualifikationen äußerst sparsam umzugehen.
Leider wird genau dieser wichtige Kontext in der Schreibszene überaus gerne ignoriert. Leonards ursprünglich durchaus mit einem Augenzwinkern gemeinte Schreibregeln werden plötzlich in Stein gemeißelt. Dann tritt schnell eine Art selbsternannter Papst der Eloquenz auf den Plan und verkündet absolute Dogmen:
»Verwendet beim Schreiben von Dialogen niemals ein anderes Verb als ›sagen‹!«
»Modifiziert das Wort ›sagte‹ niemals mit einem Adverb!«
Das frustrierende Ergebnis dieser strikten Befolgung sind oftmals elend langweilige, graue und repetitive Texte, in denen sich das Wort »sagte« auf jeder einzelnen Seite gleich im Bäckerdutzend aneinanderreiht. Die fanatischen »Zeugen Leonards« übersehen bei ihrem Kreuzzug gegen die sprachliche Vielfalt jedoch ein entscheidendes Detail: Leonard bezieht seine Regeln exklusiv auf die englische Sprache.
Und in der Tat fällt bei der Lektüre von Texten aus dem angelsächsischen Sprachraum massiv auf, dass das Wort »said« dort sehr viel häufiger und natürlicher zur reinen Markierung der wörtlichen Rede herangezogen wird, als es bei uns im Deutschen mit dem »sagte« der Fall ist. Andere beschreibende Wörter wie »whispered«, »screamed« oder sogar ein eigentlich harmloses »asked« fühlen sich im Englischen in diesem Kontext oft sofort steif, aufdringlich oder prätentiös an.
Der Reichtum der deutschen Sprache
Im Deutschen haben wir diese spezifische Stilsitte nicht – ganz im Gegenteil! Unsere Sprache stellt uns eine beeindruckende Fülle von Vokabeln zur Verfügung, um den Sprechakt detailliert, treffend und musikalisch zu beschreiben.
Da wären zunächst all jene Wörter, die die reine Lautstärke des Gesagten näher beschreiben:
wispern, flüstern, sagen, rufen, schreien, brüllen und so weiter.
Hinzu kommen jene Verben, die sofort die Intention eines Dialogsatzes klar benennen:
erläutern, erklären, fragen, befehlen, kommandieren, hinweisen oder betonen.
Darüber hinaus gibt es Wörter, die mehr oder minder metaphorisch die eigentliche Sprechweise umschreiben:
murmeln, nuscheln, salbadern, bühnenflüstern, predigen, verkünden, zischen, bellen, schwadronieren, krächzen, stottern, sprudeln, faseln, verlautbaren oder radebrechen.
Und zuletzt existieren solche Verben, die den Akt des Sprechens unmittelbar mit einem Handeln verknüpfen:
unterbrechen, ins Wort fallen, in die Parade fahren, übertölpeln oder niederschreien.
Es ist bei dieser prachtvollen Auswahl also nur schwer einzusehen, warum wir dieses fantastische Instrumentarium nicht auch aktiv für unsere Texte nutzen sollten. Allerdings gibt es eine übergeordnete, zwingende Voraussetzung: Die wörtliche Rede und ihre Qualifizierung müssen logisch und physisch zusammenpassen.
Wenn das Verb sich wehrt: Physische und logische Grenzen
Betrachten wir folgendes Konstrukt:
»Ich muss mal aufs Klo«, predigte er.
Das funktioniert im Text allenfalls als extrem gezielt eingesetzte, bissige Ironie. Nimmt man es wörtlich, bricht die Szene in sich zusammen.
Und ein Satz wie:
»Anna fing Hamburger«, zischte Hubert.
Dieser Satz lässt sich in der Realität schlichtweg nur sehr schwer zischen. Versucht es einmal laut. Es fehlen die nötigen Sibilanten (Zischlaute), um das Verb »zischen« hier zu rechtfertigen.
Besonders vorsichtig solltet ihr sein, wenn ihr zur Qualifizierung Verben heranzieht, die dem eigentlichen physischen Akt des Sprechens völlig fremd sind.
»Ich gehe jetzt nach Hause«, grinste er.
Bei derartigen Formulierungen rollen sich mir beim Lesen schlichtweg die Fußnägel auf. Man kann lächeln, während man spricht. Aber das Grinsen selbst produziert keine Worte.
Oder wie wäre es mit dem folgenden Satz?
»Eins hin, zwei im Sinn«, hüpfte sie.
Das ist als Metapher in der Praxis dann vermutlich doch nicht ganz so eingängig und originell, wie es sich die schreibende Person am Schreibtisch ursprünglich gedacht hat. Hüpfen ist ein Bewegungsablauf, kein Sprechakt.
Beim Schreiben und beim späteren Überarbeiten meiner Texte hilft mir persönlich übrigens eine sehr einfache, aber enorm effektive Übung: Wenn ich einen Dialogsatz mit einem anderen Wort als »sagen« qualifiziert habe, probiere ich ganz real aus, ihn auch exakt so zu sprechen. Misslingt dieser physische Versuch, ist das gewählte Wort mit hoher Wahrscheinlichkeit schlichtweg falsch.
Der Kampf gegen die Adverbien
Und was ist nun mit den Adverbien aus der eingangs erwähnten zweiten Regel? Ihr wisst schon:
»Modifiziert ›sagte‹ niemals mit einem Adverb!«
Ach ja, der mit so großer Vehemenz geführte Kampf gegen Adjektive und Adverbien in der Literatur. »Der Weg zur Hölle ist mit Adverbien gepflastert«, sagt selbst Großmeister Stephen King. Doch trifft diese harte Aussage im Deutschen tatsächlich auch in dieser Absolutheit zu?
Viele von uns haben schon in der Schule folgende Gleichung verinnerlicht: Adjektivischer oder adverbialer Stil ist gleich schlecht; verbaler Stil ist gleich gut. An dieser Grundregel ist sicherlich sehr viel Wahres dran. Wir sollten als Schreibende bei jedem Adverb oder Adjektiv ganz genau prüfen, ob wir es für den Text wirklich zwingend brauchen – wie wir es eigentlich bei absolut jedem Wort tun sollten, das wir der Seite anvertrauen. Das gilt selbstverständlich auch für die Qualifizierung der wörtlichen Rede.
Aber vergleichen wir einmal:
»Es tut mir leid«, sagte er leise.
Dieser Satz ist in Tonalität, Rhythmik und Bedeutung dennoch etwas anderes als die Alternative:
»Es tut mir leid«, flüsterte er.
Auch hier gilt mein dringender Rat: Vertraut statt auf starre Dogmen lieber auf euer eigenes, geschultes Sprachgefühl. Sollte sich ein verwendetes Adverb im Nachhinein als klobig, redundant oder unpassend herausstellen oder sich die gesamte Phrase durch ein einzelnes, weitaus stärkeres Wort ersetzen lassen, findet ihr das mit Sicherheit noch in der Phase der Überarbeitung heraus. Oder die Lektorin klopft euch diesbezüglich völlig zu Recht auf die Finger.
Szenisches Denken: Die Kunst der Reduktion
Damit kommen wir zurück zu Elmore Leonard und seiner eigentlichen, wertvollen Kernintention: Dialogsätze sollen möglichst für sich allein stehen und atmen können. Das ist und bleibt ein exzellenter Vorsatz.
Ich für meinen Teil lese und schreibe unheimlich gerne Dialoge, die ohne allzu viel schmückenden Firlefanz auskommen. Diese stilistische Vorliebe ist vermutlich nicht zuletzt meiner Herkunft und meiner Ausbildung als Theaterregisseur in Gießen und Frankfurt geschuldet, wo das gesprochene Wort auf der Bühne und die direkte, physische Aktion im Fokus stehen.
Daher lautet meine primäre Frage beim Schreiben nicht, welche spezifischen Verben oder Adverbien ich nun benötige, um die wörtliche Rede perfekt zu qualifizieren. Meine Leitfrage ist vielmehr: Welche Qualifizierungen brauche ich für das Funktionieren dieser Szene überhaupt?
Ist vielleicht aus dem Kontext, dem Rhythmus oder der Stimmlage ohnehin völlig klar, wer gerade spricht und wie?
Schauen wir uns ein klassisches, reduziertes Beispiel an:
A und B sitzen an einer Bar.
»Wie geht es dir?«, fragt A.
»So lala«, antwortet B.
Geübte Schreibende erkennen bei diesem Beispiel natürlich sofort, dass der Einschub »antwortet B« völlig überflüssig und daher ein absoluter Streichkandidat ist. Die reduzierte Variante ist bereits besser:
A und B sitzen an einer Bar.
»Wie geht es dir?«, fragt A.
»So lala!«
Wer es handwerklich ganz lakonisch und elegant will, kann diesen Minidialog sogar noch einen entscheidenden Schritt weiter reduzieren. Wir ersetzen die behauptende Qualifizierung durch inszenierte Aktion:
A schwingt sich auf den Barhocker neben B. »Wie geht es dir?«
»So lala.«
In dieser finalen Fassung reicht allein die inszenierte Aktion von Person A vollkommen aus, um sie als aktive Instanz dieser spezifischen Szene und somit logischerweise als ersten Sprechenden zu etablieren. Wir sparen uns jedes »fragte« oder »sagte« und gewinnen an Tempo.
Dynamik durch Aktion statt Behauptung
Wenn in einer komplexeren Szene mit mehreren Figuren aber nicht sofort klar ist, wer gerade spricht und warum, solltet ihr euch zumindest kurz die Frage stellen, ob es nicht wesentlich elegantere und cineastischere Methoden gibt, diese Information zu vermitteln, als ein plumpes Begleitverb.
»Klappe halten! Geld her!«, befahl er, während er seine Waffe auf den Kopf der Kassiererin richtete.
Dieser Satz kommt bei aller vom Autor intendierten Dramatik am Ende doch recht behäbig und statisch daher. Die Aktion hechelt dem Dialog hinterher.
»Klappe halten! Geld her!« Er presste die Mündung seiner Pistole gegen die Stirn der Kassiererin.
Das hat sprachlich schon deutlich mehr Zug, Dynamik und brutale Unmittelbarkeit. Die Handlung qualifiziert den Sprechakt, ohne dass wir das Wort »befehlen« jemals bemühen müssen.
»Klappe halten! Geld her!« Kalter Stahl an ihrer Stirn.
Das könnte, die richtige dramatische Ausgangssituation im Roman vorausgesetzt, gleichfalls eine hervorragende, stark verknappte Lösung sein.
Stilistische Selbstdisziplin als Werkzeug
Apropos bewusste Lösungen: Beim Schreiben meiner Manuskripte stelle ich mir oft ganz gezielt stilistische Aufgaben, die überhaupt keinen primären Bezug zum eigentlichen Inhalt haben. Das mache ich einfach aus Gründen der Disziplinierung, damit ich auch bei der handwerklichen Sprache hochgradig aufmerksam bleibe und nicht unbemerkt in einen standardisierten Einheitsbrei abrutsche.
Für meinen Roman »Ein dreckiger Job« lautete diese konkrete, selbst auferlegte Aufgabe beispielsweise: »Keine direkte Qualifizierung von wörtlicher Rede.«
Das hieß im Klartext: Kein einziges »sagte«, »rief«, »schrie«, »flüsterte« und so weiter im gesamten Buch!
Ich zwang mich dazu, in den Szenen immer anders deutlich zu machen, wer gerade spricht und wie die Person spricht – meistens über Aktion, Gestik, Mimik oder den reinen Rhythmus des Dialogs. Das hat nicht nur diesem spezifischen Roman stilistisch unglaublich gutgetan, sondern es hat auch mein weiteres Schreiben als Autor nachhaltig positiv beeinflusst und meine Sinne geschärft.
Daher lautet mein abschließendes persönliches Gebot zur Qualifizierung wörtlicher Rede:
Überprüfe immer genau, ob du die wörtliche Rede im Text wirklich qualifizieren musst. Und wenn das der Fall ist, dann wähle ein exakt passendes Wort für den jeweiligen Sprechakt, ohne dabei den natürlichen, treibenden Fluss des Textes allzu sehr aufzuhalten!



