Einleitung: Der Mythos der Muse und die harte Realität
»Ach, ich könnte auch einen Roman schreiben«, höre ich oft auf Lesungen, und dann folgt fast unweigerlich der Nachsatz: »… wenn ich nur die Zeit fände.«
Lass uns direkt ehrlich miteinander sein: Zeit ist eine rare Ressource. Das gilt unabhängig davon, ob du einen Roman, Kurzgeschichten, einen Blog, Gedichte oder Drehbücher verfassen möchtest. Das ist bei mir nicht anders – und das, obwohl das Schreiben (unter anderem als Werbetexter und Übersetzer) zu meinem Brotberuf gehört und ich mittlerweile sieben Romane veröffentlicht habe.
Viele Menschen glauben, Schreiben sei eine esoterische Fügung. Sie warten auf den Kuss der Muse, auf den perfekten Moment, auf den endlosen, freien Sommerurlaub, in dem der Bestseller ganz von allein aus den Fingern fließt. Das ist Bullshit.
Schreiben ist Handwerk. Schreiben ist Sport. Schreiben bedeutet vor allem: Arsch auf den Stuhl und machen.
In diesem Leitfaden räumen wir mit romantischen Verklärungen auf. Ich zeige dir, wie du die Zeit zum Schreiben findest, wie du dich motivierst, wenn der innere Schweinehund kläfft, und wie du die unvermeidlichen Schreibblockaden in Stücke schlägst.
Bereit? Dann fangen wir beim Wichtigsten an.
Teil 1: Das Fundament – Zeit und Disziplin
»Zeit hat man nicht – man nimmt sie sich.«
Jeder kennt das: Man hat einen freien Tag und unendlich viele Pläne. Doch am Ende des Tages sind die Sekunden, Minuten und Stunden einfach durch die Finger geronnen wie feiner Sand. Zeit ist nicht nur eine rare, sondern auch eine flüchtige Ressource. Sie optimal zu nutzen, verlangt einen Plan – und die eiserne Disziplin, ihn umzusetzen.
Überdehnte Metapher #1: Schreiben ist Sport
Ich schreibe jeden Tag. Doch noch immer finde ich mich nach einer Schreibsession oft in einem Zustand völliger Erschöpfung wieder. Manchmal so schlimm, dass ich am liebsten direkt ins Bett fallen möchte. Schreiben ist anstrengend. Es ist Ausdauersport fürs Gehirn.
Jeder Mediziner wird dir bestätigen: Wenn du Ausdauersport betreiben willst, bringen dir jeden Tag 30 Minuten deutlich mehr als der völlig überzogene Marathonlauf am Wochenende. Im besten Fall brichst du den Marathon frustriert ab und lässt den Sport gleich ganz sein. Im schlechtesten Fall führt dieser Weg direkt in den frühen Herztod. Beim Schreiben ist es der literarische Herztod: Dein Projekt landet auf Nimmerwiedersehen in der Schublade.
Überdehnte Metapher #2: Schreiben ist Kunst
Jede Kunst braucht Praxis und Übung. Wer ein Instrument spielt, weiß: Jeden Tag 30 Minuten üben bringt unendlich viel mehr als die krampfhafte 8-Stunden-Session am Wochenende. Das gilt auch für die Tastatur oder den Notizblock.
Daraus ergibt sich ein ganz klares Vorgehen.
Schritt 1: Der richtige Zeitrahmen (Die 30-Minuten-Regel)
30 Minuten, dafür täglich.
Klingt vernünftig, oder? Viele wenden jetzt ein, dass man in dieser kurzen Zeit doch nichts schaffe. Vielleicht einen Satz? Einen Absatz? Wenn’s hochkommt, eine Seite?
Rechnen wir mal:
Ein Satz pro Tag ergibt im Jahr eine längere Kurzgeschichte.
Ein Absatz pro Tag ergibt eine Novelle.
365 Seiten: Das ist ein veritabler Roman.
Und das Wichtigste: Es hindert dich niemand daran, die Zeit nach und nach auszudehnen, wenn du einmal im Fluss bist. Aber ich rate dringend dazu, mit 30 Minuten anzufangen. Eine halbe Stunde lässt sich jeden Tag finden. Steh etwas früher auf, verbringe die Mittagspause mit dem Notebook im Café, schau abends eine Serienfolge weniger oder nutze die morgendliche Fahrt in der Bahn. Keine Ausreden.
Schritt 2: Der richtige Zeitpunkt (Finde deinen Rhythmus)
Ich persönlich schreibe stets (okay, so oft wie möglich) früh morgens. Um 5:30 Uhr klingelt der Wecker, ca. 6:15 Uhr sitze ich am Schreibtisch und schreibe bis acht. Dann ist Sport angesagt. Werktags öffne ich um neun mein Büro für Auftragsarbeiten, an Wochenenden – ja, ich schreibe auch sonntags – erledige ich anfallende Arbeiten oder schreibe an meinen Romanen weiter.
Warum morgens? Ich bin ungestört. Mein Gehirn ist noch nicht verseucht von der Sprache, die den ganzen Tag auf mich einprasselt. Ich liebe es, zu beobachten, wie die Welt aufwacht. Außerdem beginne ich so den Arbeitstag mit dem fantastischen Gefühl, bereits etwas geschafft und geschaffen zu haben.
Nun gehöre ich als notorischer Frühaufsteher nicht gerade zur Mehrheit der Menschheit (meine Lebensgefährtin wird das leidvoll bestätigen). Daher ist dein Job jetzt: Finde heraus, wann deine beste Schreibzeit ist.
Bedenke dabei innere und äußere Faktoren:
Was nützt es dir, wenn du abends am besten textest, aber dein Partner zur gleichen Zeit Aufmerksamkeit verlangt?
Was nützt die beste morgendliche Ruhe, wenn dir um 6 Uhr noch kein klarer Gedanke kommt?
Unser Gehirn gehorcht Rhythmen. In der Anfangsphase solltest du mit verschiedenen Zeitfenstern experimentieren, bis du den idealen Kompromiss gefunden hast.
Schritt 3: Dranbleiben (Hallo, Drill-Sergeant!)
Ich werde mir jetzt bestimmt nicht nur Freunde machen, aber hier kommt die unbequeme Wahrheit: Wie jede Kunst- und Sportausübung braucht auch das Schreiben Disziplin.
Du hast dein Zeitfenster gefunden? Gut! Dann erlaube mir mal kurz, dein Drill-Sergeant zu sein:
HALT DICH DRAN! JEDEN TAG!
Ja. Jeden Tag. Auch sonn- und feiertags. Ob es regnet, stürmt oder schneit. Zumindest am Anfang. So für die ersten sechs Monate. Danach darfst du gerne mal einen Tag pausieren.
Warum diese Härte? Sportler kennen den Effekt: Wenn man jeden Abend zur gleichen Zeit seine Laufrunde dreht und dann mal aussetzt, spürt man trotzdem, wie der Körper in den Trainingsmodus wechselt: Das Herz schlägt schneller, man fängt manchmal sogar an zu schwitzen.
Beim Schreiben ist es exakt genauso. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Forderst du dein Hirn jeden Tag zur gleichen Zeit auf, Worte zu produzieren, wird es irgendwann freiwillig das Gewünschte liefern.
Für diejenigen, die es gerne etwas poetischer haben wollen: Musen sind zurückhaltende Wesen. Sie küssen einen nicht einfach so, man muss sie umwerben. Wenn die Muse weiß, zu welchem exakten Zeitpunkt sie täglich gebraucht wird, ist schon viel gewonnen.
Keine Panik: Das hört sich härter an, als es ist. Nach einer Woche hast du dich daran gewöhnt. Und nach drei Wochen möchtest du dein tägliches Gehirn-Workout gar nicht mehr missen.
⚡ Die Quick-Start-Challenge zu Teil 1
Schließe für einen Moment die Augen und geh deinen morgigen Tagesablauf im Kopf durch. Wo verstecken sich 30 Minuten Leerlauf? Ist es vor dem Frühstück? In der Mittagspause? Statt der abendlichen Tagesschau?
Deine Aufgabe
Blocke dir genau diese 30 Minuten für morgen in deinem Kalender. Trage es ein wie einen wichtigen Arzttermin. Und dann: Setz dich hin und schreib.
Teil 2: Der Motor – Motivation und ihre Feinde
Seien es nun die Verlockungen des Alltags, der Social-Media-Post, den man noch unbedingt lesen muss, eine spannende Fernsehserie oder einfach nur ein banaler Anfall von Unlust: Die Frage »Wie motiviere ich mich zum Schreiben?« hat sich wohl jeder schon mal gestellt. Und auch auf meinen Lesungen bekomme ich sie fast immer zu hören.
Beginnen wir die Antwort mit ein paar psychologischen Grundlagen.
Der Treibstoff-Mix: Intrinsische vs. extrinsische Motivation
Die Psychologie unterscheidet zwischen intrinsischer Motivation (die Befriedigung liegt in der Tätigkeit selbst) und extrinsischer Motivation (der Antrieb kommt von außen, z. B. durch Geld oder Applaus). Neuere Forschungen legen nahe, dass die optimale Motivation ein Mix aus beidem ist.
Wie sieht dieser ideale Mix beim Schreiben aus?
Meine wesentliche Motivation für das fiktionale Schreiben ist intrinsisch. Ich liebe es, Wörter zu Sätzen und Texten aneinanderzureihen. Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und an meinen Romanen arbeite, fühle ich mich wie ein Kind in der Sandkiste, das seinem Spiel freien Lauf lässt. Umgedreht geben mir extrinsische Belohnungen – die Veröffentlichung, das verkaufte Buch, die Fanpost, der Applaus auf einer Lesung – einen zusätzlichen, massiven Schub. Ganz ohne Bestätigung von außen, die meine innere Leidenschaft validiert, hätte ich wohl längst aufgegeben.
In meiner hauptberuflichen Arbeit hingegen, dem Schreiben und Übersetzen von Texten für Marketing und Werbung, spielt die extrinsische Motivation – der Stand meines Bankkontos – eine deutlich größere Rolle. Könnte ich es mir leisten, würde ich diesen Teil meiner Arbeit an den Nagel hängen, um mehr Zeit für meine Romane zu haben. Das heißt aber nicht, dass nicht auch diese Arbeit intrinsisch erfüllend wäre: Ich liebe es, nach der perfekten Headline zu suchen oder komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.
Die harte Wahrheit für Schreibanfänger:
Suche nach deiner intrinsischen Motivation! Zwar träumt jeder vom großen Durchbruch und dem Publikumserfolg, doch man muss realistisch sein: Das sind Träume, die in den seltensten Fällen sofort wahr werden. Zwischen dem ersten Wort und einer Veröffentlichung vergehen oft Jahre, manchmal Jahrzehnte. Diese Durststrecke überstehst du nur, wenn du hinreichend liebst, was du da an der Tastatur tust.
(Ein kleiner Tipp am Rande: Kurzfristig spricht absolut nichts dagegen, sich bei der abendlichen Schreibsession mit einem guten Glas Wein oder einer Handvoll Gummibärchen extrinsisch zu motivieren. Manchmal ist der Zuckerschock zur rechten Zeit genau der kleine Stupser, den man benötigt.)
Feind #1: Der innere Schweinehund
Machen wir uns nichts vor: Zwischen uns und dem Schreiben steht oft genug der innere Schweinehund, der lieber eine halbe Stunde länger schlafen, den Abend vor dem Fernseher oder die Zugfahrt mit einem guten Buch verbringen möchte.
Dagegen hilft nur Disziplin – und ausreichend intrinsische Belohnung: Der Payout des Schreibens, also das gute Gefühl danach, muss deutlich größer sein als das flüchtige Genussversprechen des inneren Schweinehundes.
Leider hat der innere Schweinehund oft Mitstreiter in der realen Welt. Mitunter sehr bösartige. Nennen wir sie: Die Dämonen.
Feind #2: Die destruktiven Dämonen (Exorzismus dringend empfohlen)
Schreiben ist eine Beschäftigung, die erstaunlicherweise auf weniger Verständnis trifft als beispielsweise das Malen oder Musizieren. Vielleicht liegt es daran, dass wir alle in der Schule die Grundlagen des Schreibens gelernt haben und uns daher unbewusst als Experten wähnen.
Zudem ist Schreiben eine Form des Egotrips: Die Zeit, die ich dem Schreiben widme, gehört ganz allein mir. Keinem Freund. Keinem Partner. Keinem Boss. Das ruft instinktiv jene auf den Plan, die um genau diese Aufmerksamkeit buhlen.
Diese aufmerksamkeitsbedürftigen Menschen sind jedoch nicht halb so destruktiv wie jene »Wohlmeinenden«, die einem das Schreiben im Vorfeld nicht zutrauen und erst nach messbarem Erfolg Respekt zollen. Oder jene »guten Freunde«, die Freundschaft als Pflicht missverstehen, erste Entwürfe ungefragt zu »dekonstruieren« – also in Grund und Boden zu kritisieren.
Es mag hart klingen, aber: Diese Menschen haben in meinem Leben keinen Platz mehr, und ich kann dir nur raten, sie entweder entschieden in ihre Schranken zu weisen oder aus deinem Leben zu verbannen. Ich habe mich in der Vergangenheit bereits von einer Lebensgefährtin getrennt, weil sie weder meinen Tagesrhythmus (als Morgenmensch) verstehen noch akzeptieren konnte, dass es Zeiten gibt, in denen sie nicht im Mittelpunkt steht und ich nur im äußersten Notfall ansprechbar bin.
Dein Schreiben braucht Raum. Wer dir diesen Raum absichtlich nimmt, ist ein Dämon.
Feind #3: Die gutmütigen Dämonen (Warum Schweigen Gold ist)
Zuletzt gibt es noch Dämonen, die gar keine sein wollen. Die es wirklich genuin gut mit einem meinen: Ich spreche von den Neugierigen, die ständig wissen wollen, was man gerade macht, wie die Geschichte weitergeht und woran man schreibt.
Gutmütig? Ja. Harmlos? Absolut nicht.
Viele Schreibende haben – wie ich – die bittere Beobachtung gemacht, dass die Lust am Schreiben eines Textes schwindet, je mehr man darüber spricht. Der innere Druck, eine Idee in Worte fassen zu müssen, wird allein schon durch das Darüber-Reden abgebaut. Das Gehirn hat das Gefühl, die Geschichte bereits erzählt zu haben.
Daher gilt die eiserne Regel: Schweigen ist Gold.
Ich persönlich spreche nur mit sehr wenigen, engsten Vertrauten über meine noch unfertigen Projekte – wenn überhaupt.
Achtung, Falle: Der Dichter-Schwätzer
Das Gegenstück zum gutmütigen Neugierigen ist übrigens der – zumeist männliche – Dichter-Schwätzer.
Du hast ihn sicher schon mal auf einer Party getroffen: Er hat vielleicht irgendwann mal etwas veröffentlicht (eher nicht, und wenn, dann ist das Buch vergriffen). Er wird dir mit brennender Begeisterung von all seinen Projekten erzählen, vor allem von dem ganz großen »Deutschland-Roman«, mit dessen Niederschrift er ganz bestimmt und ganz bald beginnen wird. Gerne flicht er in seine Monologe noch tiefschürfende Lektionen darüber ein, wie »das mit dem Schreiben« denn so funktioniere – kurz bevor er sich wieder der anspruchsvollen Tätigkeit seines Aushilfsjobs widmet.
Also bitte, liebe Schreibwilligen, tut euch den Gefallen: Schreibt, aber schweiget. Und werdet um Gottes willen nicht zum Dichter-Schwätzer. Eure Umwelt wird es euch danken.
⚡ Die Exorzismus-Challenge für Teil 2
Wer oder was ist dein größter Dämon? Ist es dein eigenes Smartphone? Ein nörgelnder Bekannter? Dein innerer Schweinehund, der lieber Netflix schaut?
Deine Aufgabe
Triff heute eine konkrete Entscheidung, wie du diesen Dämon während deines morgigen 30-Minuten-Schreibfensters aussperrst. Handy in den Flugmodus? Zimmertür abschließen? Ein klares »Stör mich jetzt nicht« an den Partner? Tu es. Beschütze deine Zeit.
Teil 3: Die Mauer – Vom Umgang mit Schreibblockaden
All work and no play makes Jack a dull boy. Immer wieder und wieder hämmert Jack Torrance diesen Satz in seine Schreibmaschine. Mit der Hauptfigur seines Romans »Shining« hat Stephen King ein Denkmal für den Writer’s Block, die Schreibblockade, geschaffen.
Schreibblockade? »So etwas gibt es nicht!«, verkünden wohlmeinende Schreib-Coaches und Motivationstrainer allerorten, schieben ein lautes »Tschakka!« hinterher und präsentieren dann ihr Patentrezept, dessen letzten Schritt man bequem per eBook oder Videokurs käuflich erwerben kann.
Aber seien wir doch mal ehrlich: Das ist Bullshit.
In jedem Beruf geht einem die Arbeit mal besser, mal schlechter von der Hand. Und selbstverständlich kann auch kreative Arbeit ins Stocken geraten: Da geht es uns Schreibenden nicht anders als Malern oder Musikern. Glücklicherweise gibt es Mittel und Wege, solche Tiefpunkte zu überwinden. Doch schauen wir erst einmal genauer hin.
Ich kenne aus eigener Erfahrung zwei Formen der Schreibblockade. Im Resultat führen beide zwar zum gleichen Ergebnis – man schreibt nicht –, doch Ausgangssituation, Ursachen und somit mögliche Lösungen unterscheiden sich erheblich.
Form A: Die Erzählblockade
Die Erzählung stockt, die vor ein paar Tagen noch klare Reiseroute wird zunehmend verschwommen oder hat uns gar auf eine Sandbank geführt. Andere Texte gehen gut von der Hand, doch ausgerechnet der geliebte Roman will einfach keine Fortschritte machen? Hier sind die vier häufigsten Ursachen – und ihre Lösungen:
Ursache #1: Du hast dich dramaturgisch in eine Sackgasse manövriert.
Die Handlung kommt ins Stocken oder dreht sich im Kreis. Der Protagonist versinkt im Treibsand der Banalitäten. In allen sieben Romanen, die ich bisher geschrieben habe, stand ich genau vor diesem Problem. Die Ursache war jedes Mal dieselbe: Ich habe die falsche Abzweigung genommen – und zwar deutlich vor der Stelle, an der ich ins Stocken geraten bin.
Die Lösung: Geh den Weg rückwärts, bis du den Fehler findest. Google Maps für Texte ist leider noch nicht erfunden. Ich gehe zunächst zehn Seiten zurück. Finde ich den Fehler nicht, gehe ich weitere zehn Seiten zurück.
In »Damenopfer«, meinem vierten Katharina-Klein-Krimi, musste ich fast bis an den Anfang zurückgehen. Die Lösung war radikal: Ich hatte Katharina ursprünglich einen Liebhaber gegeben, doch diese Figur zog zu viel Energie und brachte das Beziehungsgleichgewicht durcheinander. Also musste Katharina im Zölibat ausharren – dafür entstand eine der wichtigsten Szenen des Buches (für Insider: das nächtliche Gespräch in Katharinas Küche).
Zusatztipp: Dass eine Szene schwer von der Hand geht, liegt oft daran, dass sie schlicht überflüssig ist. Ich habe mich in »Damenopfer« durch zwanzig Seiten »Was bisher geschah«-Exposition gequält, nur um am Ende festzustellen, dass man die wenigen wichtigen Infos später viel eleganter einstreuen konnte. Ab in den Papierkorb damit!
Ursache #2: Du hast den Faden (oder die Freude) verloren.
Das passiert gerne nach einer längeren, erzwungenen Schreibpause (Krankheit, Job).
Die Lösung: Überarbeite das bereits Geschriebene! Schreibratgeber warnen zwar oft davor, während des Schreibprozesses zu editieren, aber wer sagt, dass sie recht haben? Wenn du dich Satz für Satz wieder durch deinen Text arbeitest, bist du am Ende automatisch wieder »drin« und hast die Freude am Projekt zurückgewonnen.
Ursache #3: Du empfindest deinen eigenen Text als schlecht oder läppisch.
Lass dir gesagt sein: Das geht absolut jedem Autor auf der Welt so, der einen Funken Selbstkritik besitzt.
Die Lösung: Hier hilft oft extrinsische Motivation. Eine heranrasende Deadline (nichts wirkt besser!), eine drängelnde Partnerin oder aufbauendes Feedback von außen. Ansonsten gilt: Appetit kommt beim Essen. Weiterschreiben.
Ursache #4: Du bekommst den Stoff einfach nicht in den Griff.
»Gott erlegt dir nicht mehr auf, als du ertragen oder bewältigen kannst«, verkünden fromme Gemüter gerne. Als chronisch kranker Atheist klingen diese Worte in meinen Ohren mehr als hohl. Manchmal taugt der Stoff nichts, das Handwerk reicht noch nicht, oder das Medium ist das falsche.
Die Lösung: Hol dir externes Feedback. Oder, ganz pragmatisch: Leg das Projekt in die Schublade und wende dich anderen Dingen zu. Davon geht die Welt nicht unter.
Form B: Die diffuse Schreibblockade
Dies ist die zweite Form, und sie ist zäher. Es gibt Zeiten, da fließen die Worte eklig wie geronnene Milch. Man starrt auf den blinkenden Cursor und nichts passiert.
Das Wichtigste zuerst: Mach dich locker. Krampf macht alles nur schlimmer. Kosmisch betrachtet ist es keine große Sache, wenn man mal ein paar Tage nicht schreibt.
Oft ist hier Versagensangst im Spiel. Sie ist die zweithäufigste Ursache für Blockaden. Dagegen hilft nur die knallharte Akzeptanz der Tatsache, dass erste Entwürfe nie perfekt sind. Reparieren lässt sich später alles. Um es mit den Worten von Ernest Hemingway zu sagen:
»Die erste Fassung von allem ist Scheiße.«
Wenn aber nicht die Angst, sondern pure Unlust und der innere Schweinehund das Problem sind, wird es Zeit für handfeste Tricks.
Teil 4: Der Werkzeugkasten – Tricks für die Praxis
Okay, der Schweinehund ist gebändigt, die Dämonen sind exorziert, das schriftstellerische Schweigegelübde ist abgelegt. Du sitzt an deinem Platz. Das jungfräuliche Papier wartet. Doch die Hürde ist zu hoch.
Hier sind fünf praxiserprobte Tricks, um dir über die ersten Millimeter hinwegzuhelfen:
Trick #1: Plane deine Reiseroute
Jede erfolgreiche Reise beginnt mit Planung. Nicht mal Genies setzen sich einfach hin und schreiben los. Einen Roman schreiben zu wollen, ohne sich vorzubereiten, ist ein Rezept für Chaos. Die Chance steht 99:1, dass das Projekt scheitert. Mach dir einen Plan, bevor du startest.
Trick #2: Nutze paradoxe Psychologie (Widerstand durch Soll-Übererfüllung)
Ein Trick aus dem Militär: Der Schweinehund will nicht schreiben? Gut! Dann darfst du ab sofort nicht schreiben. Stattdessen wird jetzt die Wohnung geputzt, der Abfluss gereinigt oder die Steuererklärung gemacht. Du wirst dich wundern, wie schnell der innere Schweinehund plötzlich das Schreiben als das deutlich kleinere Übel ansieht.
Trick #3: Schreib einfach irgendwas
Du hast keine Idee für den Anfang? Dann schreib erst mal so, als würdest du ein neues Projekt skizzieren. Scribble vor dich hin. Nach wenigen Sätzen ist die Hürde genommen, und die Worte fließen freier. Bis zur Veröffentlichung kannst du alles noch löschen.
Trick #4: Kopf-Kino vor dem Einschlafen
Wenn du dich hinsetzt, solltest du genau wissen, was du in dieser Session schreiben willst. Mein Trick: Kurz vor dem Einschlafen werfe ich einen Blick in meine Notizen für den nächsten Tag und erzähle mir die kommende Szene im Geiste. Über Nacht verfestigt sich die Szene – und die dafür nötige Sprache –, sodass ich sie morgens nur noch »abtippen« muss.
Trick #5: Der Hemingway-Trick (Mitten im Satz aufhören)
Höre nie am Ende eines Abschnitts auf. Beende deine Schreibsession mitten im Absatz oder sogar mitten im Satz! So weißt du zu Beginn der nächsten Session exakt, was du schreiben sollst. Die Hürde der ersten Worte existiert gar nicht erst.
Hemingway drückte das viel schöner aus:
»Ich habe gelernt, den Brunnen meines Schreibens nie vollständig zu leeren, sondern stets einen Rest zu belassen – ganz unten in den Tiefen des Brunnens, so dass er sich über Nacht wieder füllt aus den Quellen, die ihn speisen.«
Fazit: Das Patentrezept Langeweile
Ich möchte diesen Leitfaden mit einem echten Patentrezept beschließen. Es fußt auf einer simplen Beobachtung: Viele große Werke der Weltliteratur nahmen ihren Ausgang in der endlosen Langeweile eines Krankenbetts oder einer Gefängniszelle. Andere Autoren machen endlose Spaziergänge, allein mit sich und ihren Gedanken.
Die Wahrheit ist: Langeweile inspiriert.
Unser Gehirn braucht Beschäftigung. Erhält es diese nicht von außen, beginnt die Fantasie zu arbeiten. Erfolgreiche Autoren machen sich das zunutze.
Leider haben wir unsere heutige Welt mit ständigen Ablenkungen angefüllt. Die kleinen bunten Bildschirme unserer Smartphones haben den kontemplativen Blick aus dem Fenster längst abgelöst. Wir sind Langeweile nicht mehr gewöhnt und betrachten sie als Feind. Doch gerade diese Macht können wir nutzen, um uns zum Schreiben zu zwingen.
⚡ Die finale Challenge
Die TuGarNix™-Übung
Es ist wieder dein Schreibfenster. Du sitzt an deinem Platz. Stell dir jetzt einen Kurzzeitwecker für deine 30 Minuten. Und dann …
… tust du gar nichts.
Nicht lesen. Kein Internet. Keine Musik. Kein Fernsehen. Kein Handy. Das Einzige, was du in dieser Zeit tun darfst, ist schreiben. Ansonsten bist du dazu verdammt, still auf deinem Stuhl zu sitzen und ins Leere zu starren. Absolut nichts tun.
Spürst du allein beim Gedanken daran schon die schwarze Front der Langeweile heraufziehen? Hervorragend!
Ich wette mit dir: Fünf Minuten. Zehn Minuten. Dann hältst du es nicht mehr aus. Die Worte werden fließen. Und wenn der Wecker klingelt, wirst du ihn verfluchen.
Also: Arsch auf den Stuhl und machen!




