Der Lerche rotgemaltes Lied

Der Lerche rotgemaltes Lied (Leseprobe)

Requiem für die Museumswärterin Katharina Gerlinde Streifft

Die Vorhalle eines Museums – einer jener postmodernen Glaskästen, die man von die Eingänge der in der Üppigkeit der Gründerzeit errichteten Bauten gestellt hat: Denn diese Stadt, dieses Kunstsammlung, vereint Tradition und Innovation, Alt und Jung, Laptop und … Nach Bedarf und Bundesland einfügen.

Viel Mühe hat man sich gegeben, den eigentlichen Zugang zu den heiligen Ausstellungshallen modern, doch im Bewusstsein der Geschichte zu gestalten: Die doppelflügelige Tür am Kopf einer siebenstufigen Treppe besteht aus dunklem Holz, vermutlich Eiche. Der rechte Flügel steht einen Spalt offen.

Die Treppe aus dunklem Granit hat man aus Gründen der Sicherheit und Rutschfestigkeit mit beiger PVC-Auslegeware belegt – ein Farbton, der sich mit dem fleischfarbenen Marmor des Vorhallenboden beißt.  

Die eigentlich giebelig zulaufende Konstruktion der Vorhalle wird durch einen breiten Stahlspiegel abgeschlossen. Goldene Absperrungen mit dunkelroten Tauen führen die potenziellen Besucher vor dem Betreten des Museums erst zum Verkaufstresen auf der linken Seite, denn natürlich soll man nicht eintreten, ohne seinen Obolus im Namen der Kunst zu entrichten.

Dem Tresen gegenüber auf der rechten Seite stehen mehrere Postkartenständer und ein Büchertisch: Die Sammlung des Museums ist groß, entsprechend auch die Auswahl der zu erwerbenden Kunstpostkarten.

Katharina Gerlinde Streifft, die Museumswärterin, sortiert aus reiner Langeweile Postkarten ein: Es ist später Vormittag, die Mittagsstunde ist vielleicht leicht überschritten. Seit neun Uhr hat sie Kassendienst.  

Katharina ist mittelgroß, mittelblond, mittelhübsch, mitteljung. Sie trägt ihr strenges Dienstkostüm mit der Würde des Ortes, dazu bequem flache Schuhe; ihre Haare sind zu einem makellosen Dutt gesteckt. Würde sie die in den Tiefen ihrer Handtasche verborgene Brille aufsetzen, würde sie streng und unnahbar wirken.

Katharinas Erscheinung ist gepflegt, wenn auch eher aus Pflichtgefühl, denn aus einem echten Bedürfnis. Ihre Hände sind klein, ihre Nägel kurz und unlackiert. Ihre Angewohnheit, Nägel zu kauen, gleicht sie durch den Einsatz einer Nagelfeile aus. Sie ist angespannt, ihre Nervosität entlädt sich in kleinen Ticks. Zu oft streicht sie ihre Haare glatt, wischt imaginäre Strähnen aus der Stirn, zupft sich am Ohrläppchen. Als Schmuck trägt sie nur einen dünnen Silberring mit einem schwarzen Stein und eine ebenfalls silberne Halskette mit einem kleinen Medaillon daran – ein Erbstück ihrer Oma. Sie hat sich noch nicht getraut, das Medaillon zu öffnen.

Es regnet. Bereits seit Stunden ziehen die Regentropfen ihre Spuren über das gläserne Dach. Das Tropfen des Regens ist das einzige hörbare Geräusch, nicht einmal Schritte hallen aus der Weite des hinter der Tür verborgenen Museums herüber. Aus dem puren Bedürfnis heraus, eine menschliche Stimme zu hören, beginnt Katharina zu sprechen.

 

Unbekannter niederländischer Meister des Hochbarock: Stillleben, Lichteinfall von links oben.

Velasquez… Lichteinfall von links oben, mit leichtem Frontlicht.

Rembrandt: Lichtschein aus der Mitte des Bildes, vermutlich eine Öllampe, zusätzlich Licht von links oben.

Bartholomäus Bruyn der Ältere: Lichteinfall von links oben.

Lucas Cranach: Lichteinfall durch ein zur Linken sichtbares Fenster.

Franz Xaver Winterhalter: Königin Elisabeth von Österreich, Sissi, von links oben beleuchtet.

Dass das noch keinem aufgefallen sein soll? Es ist doch evident.

Albrecht Dürer: in allem ein paar Jahrhunderte voraus, natürlich auch im Lichteinfall von links oben.

Johannes Vermeer, der beste Lichtmaler aller Zeiten: Auch sein Geograph ist von links oben beleuchtet – Sonnenschein im Frühherbst, drei Uhr nachmittags, Cumulus-Wolken ziehen am Himmel vorbei, die Luft ist klar. Alles zu erahnen, obwohl man nur den Innenraum sieht. Den allerdings von links oben beleuchtet. Genial. Nicht anders zu sagen: genial!

 

Sie spricht zu dem Bild.

 

Du erinnerst mich immer an meinen Exfreund. Genau der gleiche Blick. Sorgenvoll in sich gekehrt, im Geiste bei seinen Formeln. Sei lieber froh, dass bei dir die Sonne scheint. Hier regnet es. Seit Stunden. Schon, als ich heute Morgen hergekommen bin.

Gestern hat die Sonne geschienen. Und eine Lerche hat gesungen. Ich habe am Fluss gesessen; zwei Kinder haben einen Drachen steigen lassen. Und ganz in unserer Nähe hat eine Lerche gesungen. Das hat mich gewundert, jetzt im Herbst. Lerchen singen im Frühjahr. Um ihren Nachwuchs zu schützen. Wenn ich früher als Kind so im Gras saß und über mir eine Lerche sang, habe ich immer gehofft, sie schützt mich.

Gestern Nachmittag hat sie mich nicht beschützt.

Und auch meine Seele nicht fortgetragen zum Himmelreich hinter dem Horizont, wie es Lerchen doch angeblich tun.

Sie war zu klein. Zu schwach. Zu allein.

 

Katharina lässt die Karte sinken. Für einen Moment betrachtet sie den langsam am Fenster herabrinnenden Regen.

 

Gibt es etwas deprimierenderes als Regen, der gleichmäßig gegen ein Fenster klatscht?

Weltuntergangswetter – das sagt man ja immer bei Gewitter, wenn draußen so alles richtig gezaust wird vom Wind, wenn die Blitze durch die schwarzen Wolken zucken. So wie bei Poussin. „Pyramus und Thisbe“, im Saal III. Direkt hinter der Tür. Das schönste Gewitter hängt in der dunkelsten Ecke.

Also ich finde Gewitter schön.

Und wenn die Welt eines Tages wirklich untergeht, dann garantiert bei Nieselregen. Vielleicht taucht die Weltkugel dann ein in den großen Ozean des Universums und sinkt langsam bis auf den weichen Grund. Vergräbt sich im warmen Schlamm. Und aus dem Museum wächst eine leuchtend rote Koralle.

Eine Leseprobe aus:

Der Lerche rotgemaltes Lied - ein Monolog

Der Lerche rotgemaltes Lied

Ein verregneter Tag im Museum, eine einsame Wärterin und eine niederschmetternde Diagnose. In einem intensiven Monolog konfrontiert Katharina Gerlinde Streifft die Meisterwerke der Kunstgeschichte mit ihren zerstörten Lebensträumen, bis ihre unterdrückte Künstlerseele gewaltsam ausbricht…

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