Eine Todeszelle. Nein, eigentlich keine Todeszelle. Sondern ein Vorbereitungsraum, in dem die Verurteilten ihre letzten Stunden verbringen, ihre letzten Briefe schreiben, ihre Henkersmahlzeit, zumeist ein Frühstück, einnehmen. Dort begegnen sie auch zum ersten Mal ihrem letzten irdischen (Scharf-)Richter. Der Raum ist karg möbliert: ein Holztisch mit zwei Stühlen. Zwei Türen führen in diesen Raum, ein mittig in der Rückwand, eine in der rechten Seitenwand. Die Tür im Hintergrund führt in den eigentlichen Hinrichtungsraum. Die Tür rechts verbindet den Hinrichtungstrakt mit dem übrigen Gefängnis.
Neben der Tür im Hintergrund sitzt Frau Krause auf einem weiteren Stuhl und strickt. Sie ist Wache und letzte Gesellschaft zugleich. Die Verurteilte, Eva Skarlatti, sitzt am Tisch, vor sich Briefpapier und einen Stapel Umschläge. Sie sitzt noch immer am ersten Brief.
EVA: (laut schreibend) „… Ich wäre Dir außerdem sehr dankbar, liebe Carola, wenn Du dich um meine Blumen kümmern würdest. Mein Ficus sollte demnächst umgetopft werden. In diesem Sommer müsste endlich meine Königin der Nacht blühen. Schade, dass ich das nun doch nicht mehr erleben kann. Ich danke Dir und wünsche Dir alles Gute, Deine Eva.“
Sie faltet den Brief sorgfältig, steckt ihn in einen Umschlag und beschriftet ihn ordentlich. Dann legt sie ihn zur Seite. Dann nimmt sie einen neuen Briefbogen. Sie denkt länger nach.
EVA : (zu Frau Krause) Es ist doch erstaunlich, wie wenigen Leuten man in seinen letzten Stunden etwas zu sagen hat.
Frau Krause zuckt mit den Schultern und strickt weiter.
EVA: Da hört man immer von berühmten letzten Worten, letzten Briefen. (denkt nach) Oder, Moment, vielleicht doch… (schreibt laut) An die letzte Generation. Bitte rettet die Welt auch ohne mich. Eure Eva Skarlatti. (wieder zu Frau Krause) Man soll ja seine Geschäftsbeziehungen auf dem neuesten Stand halten.
Frau Krause zuckt mit den Schultern und strickt weiter.
Eva verpackt auch diesen letzten Brief sorgfältig und beschriftet ihn. Dann legt sie ihn zu den beiden anderen. Sie packt das Schreibzeug zusammen.
EVA: So, die letzten Briefe wären geschrieben. Und jetzt?
Frau Krause zuckt mit den Schultern und strickt weiter.
EVA: Ach ja, Sie sprechen ja nicht mit mir.
Sie wendet sich wieder ab. Mit ihrem Stift kritzelt sie auf dem Papier herum. Nach einer Weile des Schweigens.
EVA: Es ist kaum zu glauben. In wenigen Stunden werde ich hingerichtet, und ich … langweile mich!
In diesem Moment öffnet sich die Tür im Hintergrund. Ein älterer Mann, schlank, ein Gentleman mit sehr angenehmer Stimme und eleganten Bewegungen, schreitet hindurch: Noster trägt einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und dezenter Krawatte.
Sein Schritt ist trotz der ernsten Situation beschwingt: Dies ist sein letzter Arbeitstag, Eva Skarlatti seine letzte Delinquentin.
Die Todesstrafe wird abgeschafft, Noster kann in Pension gehen, sich in sein Landhaus zurückziehen, viel lesen und sich ganz der Rosenzucht widmen, die jetzt bereits sein bevorzugtes Hobby ist.
Er trägt eine Aktentasche. In der anderen Hand hält er einen Strauß Rosen, die er diesen Morgen geschnitten hat, bevor er zur Arbeit gefahren ist, also vor Tag und Tau.
Noster ist ausgeruht und frisch, die regelmäßige Gartenarbeit hat seinem Gesicht eine gesunde Farbe verliehen. Mit einem freundlichen Handschlag begrüßt er Frau Krause.
NOSTER: Guten Morgen, guten Morgen, werte Frau Krause.
Er hält der Wärterin die Blumen hin, sie sieht ihn verwirrt an.
NOSTER: Für Sie. Wo wir uns doch heute zum letzten Mal sehen – zumindest an diesem Ort und mit dieser traurigen Bürde.
Frau Krause will den Strauß nehmen, sieht dann auf das Strickzeug in ihren Händen, legt es seufzend beiseite, steht umständlich auf, nimmt den Strauß, wickelt das Papier ab und will ihn in eine auf einem Tischchen bereitstehende schmucklose Vase stellen.
NOSTER: Sagen Sie, riechen Sie das auch?
Frau Krause hält inne und sieht ihn fragend an.
NOSTER: Irgendwie riecht es hier gammelig. Wie nach fauligen Orangen …
Frau Krause schnuppert, mustert Noster unverständig.
NOSTER: Komisch, jetzt ist der Geruch weg. Na gut …
Erleichtert setzt sich Frau Kraus wieder auf ihren Platz und nimmt ihr Strickzeug wieder auf.
Noster zupft unterdessen den Strauß ein wenig zurecht.
NOSTER: So sieht doch der Raum gleich viel gastlicher aus.
Dann wendet er sich Eva zu, die ihn interessiert (und ein wenig amüsiert) beobachtet. Er muss sich einen Ruck geben, bevor er mit ausgestreckter Hand auf sie zugeht.
NOSTER : Guten Morgen, Frau Skarlatti. Darf ich mich Ihnen vorstellen? Ernst Noster mein Name.
EVA : (reserviert die Hand annehmend) Guten Morgen. – Ich hatte ausdrücklich auf geistlichen Beistand verzichtet.
NOSTER: (verwirrt) Wie meinen?
EVA: (höflich, aber bestimmt) Keinen geistlichen Beistand. – Nichts gegen Ihren Beruf, aber ich war nie religiös – und so kurz vor knapp fange ich bestimmt nicht damit an.
NOSTER: Ach so! Das ist ein Missverständnis, ich bitte um Entschuldigung.
Eva mag erwartet haben, dass Noster jetzt wieder geht, doch stattdessen stellt er seinen Aktenkoffer auf dem Tisch ab und will sich auf den zweiten Stuhl setzen.
EVA: Missverständnis?
NOSTER: Ja, ich … Nun, ich bin nicht der Anstaltsgeistliche.
EVA: Und was führt Sie dann zu so früher Stunde hierher?
NOSTER: Nun, ich bin … Ich bin Ihr Scharfrichter.

