Manchmal beginnen die schönsten Projekte mit einer einfachen Freundschaftsanfrage auf Facebook. So war es 2025, als die Dichterin Astrid Nöll Kontakt zu mir aufnahm. Wir kamen ins Gespräch, stellten fest, dass wir praktisch Nachbarn sind – sie lebt in Mühlheim, ich in Offenbach – und sie schickte mir einige ihrer Gedichte, um meine Meinung einzuholen.
Die Texte, sehr zart in ihrer Sprache und voller poetischer Bilder, gefielen mir auf Anhieb. Sie kreisen um die Zyklen des Lebens, um die feinen Nuancen zwischen tiefem Schmerz und leuchtender Hoffnung.
Als Astrid mir im weiteren Verlauf berichtete, dass sie versucht hatte, ihr erstes Buch via Self-Publishing zu veröffentlichen, mit dem drucktechnischen und gestalterischen Ergebnis aber kreuzunglücklich war, bot ich ihr meine Hilfe an. Ich übernahm den professionellen Buchsatz und die Covergestaltung, um ihren Texten den Rahmen zu geben, den sie verdienen.
So entstand das Design für den Gedichtband „Seelenfedern“.
Schritt 1: Typografie und das Setzen von (Leer-)Räumen
Lyrik ist die Königsdisziplin im Buchsatz. Warum? Weil das, was nicht bedruckt ist, genauso wichtig ist wie der Text selbst.
Mir war sofort klar: Astrids Gedichte brauchen viel Raum zum Atmen. Daher habe ich beim Satzspiegel bewusst auf viel White-Space (Weißraum) geachtet und deutlich breitere Seitenränder angelegt, als man es bei einem klassischen Roman tun würde.
Zudem haben wir lange an der passenden Schriftkombination gefeilt, bis wir eine Typografie gefunden hatten, die das Zarte und Poetische der Texte aufnimmt, ohne verspielt oder unleserlich zu wirken. Die Wahl fiel auf die Palomino Sans One für die Kapitel- und Gedichttitel und die klare Futura PT für die Fließtexte. Eine wichtige, gemeinsame Design-Entscheidung: Wir haben uns für eine konsequente Kleinschreibung der Gedichte entschieden. Das unterstreicht den modernen, fließenden Rhythmus der Worte und erzeugte einfach das harmonischste Druckbild.
Design ist auch das, was man weglässt:

Der erste Entwurf: Die Feder-Illustration auf jeder Textseite wirkte schnell zu unruhig. 
Das finale Layout: Fokus auf den Text, klare Typografie, viel Raum zum Atmen.
Wie man an den Beispielen sieht, hatte ich ursprünglich geplant, das namensgebende Feder-Motiv dezent in das Layout jedes einzelnen Gedichts zu integrieren. Wir waren uns jedoch schnell einig: Das war des Guten zu viel. Es lenkte von den Worten ab. Also flog die Feder aus dem Fließtext wieder heraus.
Schritt 2: Die Federnmetapher und der gezielte KI-Einsatz
Trotzdem brauchte das Buch natürlich sein Leitmotiv. Die „Seelenfedern“ sollten als visuelles Element die vier großen Kapitel des Buches einleiten.
Hier kommt mein Workflow als moderner Buchgestalter ins Spiel. Ich griff zunächst auf hochwertiges Stock-Material von Envato zurück. Doch einfache Fotos passten stilistisch nicht zum Lyrikband. Um eine individuelle, zarte Anmutung zu erzeugen, nutzte ich Künstliche Intelligenz (Nano Banana) als Design-Werkzeug.
Mit dem schlichten Prompt „Verwandele das hochgeladene Bild in eine mit feinen Linien gezeichnete Bleistiftzeichnung“ generierte ich aus dem Fotomaterial passgenaue, filigrane Illustrationen für die Kapitel-Einleitungsseiten.

Schritt 3: Das Cover – Aus Fotografie wird Aquarell
Das Cover ist das Gesicht eines jeden Buches. Es muss auf den ersten Blick Stimmung und Genre transportieren – und im Self-Publishing auch in der kleinen Thumbnail-Ansicht bei Amazon funktionieren.
Auch hier prägen die Federn das Design. Der Prozess war ähnlich wie beim Innenteil, aber mit einem anderen stilistischen Ziel.

Das ursprüngliche Bild war mir zu hart, zu fotografisch. Erneut kam KI zum Einsatz, dieses Mal, um die Federn in ein sanftes, in sich fließendes Aquarell zu verwandeln.

Für das finale Cover wurde dieses Aquarell-Motiv skaliert, für den Druck in den CMYK-Farbraum umgewandelt und kompositorisch gedreht, um eine aufstrebende, leichte Dynamik zu erzeugen.
Um das Design abzurunden und einen konsistenten, harmonischen Gesamteindruck zu schaffen, nahm ich die Schriften aus dem Innenteil (Palomino Sans One und Futura PT) wieder auf. Den Farbton für die Titelei habe ich direkt mit der Pipette aus den dunkelsten Blau-Nuancen der Aquarell-Federn entnommen.

Bildunterschrift: Das finale Cover: Eine harmonische Einheit aus Typografie und Illustration.
Fazit: Wenn Form und Inhalt verschmelzen
Ich gebe gerne zu: Ich bin alles andere als ein ausgewiesener Lyrikexperte. Doch die Arbeit an diesem Buch – von der Rettung des Layouts bis zur Entwicklung einer eigenen Bildsprache – hat unheimlich viel Spaß gemacht. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man als Designer dazu beitragen kann, dass die innere Qualität eines Textes endlich auch nach außen strahlt.
Das reduzierte, aber emotionale Design kommt bei den Lesenden hervorragend an. Entsprechend freue ich mich bereits auf Astrids nächste Bände, die aktuell schon auf meinem Schreibtisch (und in meinem Layout-Programm) liegen.
Lust auf ein wenig Poesie bekommen?
Astrids Einladung zur Introspektion – eine vierteilige Reise durch die menschliche Gefühlswelt, von tiefem Schmerz bis zu leuchtender Hoffnung – ist überall im Buchhandel und online erhältlich.
(Bist du Self-Publisher und unglücklich mit dem Look deines Buches? Schreib mir! Wir machen etwas Schönes daraus.)



