In der zweiten Folge zum Thema „Richtiges lesen“ soll es um Sachbücher gehen. Während sich vieles übertragen lässt, was ich bereits zum Thema Fiktion gesagt habe, steht bei Sachbüchern jedoch eine ganz andere Frage im Mittelpunkt. Diesmal können wir nicht nur, sondern müssen fragen:

Was will uns der Autor damit sagen?

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Natürlich gibt es Sachbücher, die einen großen Wissenshorizont voraussetzen, und uns deshalb als Laien möglicherweise ungenau, unklar oder unverständlich erscheinen. Wer beispielsweise einen modernen philosophischen Text liest, sollte dazu zumindest Grundkenntnisse der Philosophie des Abendlandes mitbringen.

Gehen wir aber mal davon aus, dass uns alles notwendige Wissen zur Verfügung steht. Wenn uns dann der Inhalt eines Sachbuchs noch immer unklar ist oder, noch schlimmer, der Autor uns bewusst im Unklaren, Ungefähren zurücklässt, ist dieses Buch für uns nicht sonderlich nützlich.

Der Wert eines Sachbuchs

Bevor wir ein Sachbuch überhaupt öffnen, können wir uns schon einen Eindruck von der Qualität verschaffen: Indem wir auf den Ruf des Buches blicken. Ein allgemein anerkanntes Lehrbuch, das beispielsweise auch von Autoritäten auf einem Sachgebiet empfohlen wird, vermittelt vermutlich gesichertere Erkenntnisse, als ein ebenso spektakulärer wie spekulativer Titel eines fachfremden Autors. Das spricht noch nicht unbedingt gegen die letztere Kategorie. Oftmals steht sogenanntes „anerkanntes Wissen“ neuen Denkansätzen im Wege. Jedoch bietet das etablierte Wissen zumindest einen Leitfaden dafür, ob auch das spekulative Buch etwas taugt.

Der Nutzen, den wir aus einem Sachbuch ziehen oder auch nicht, hängt aber stark von der Intention ab, mit der wir es lesen. Dabei sollten wir zwischen zwei unterschiedlichen Arten von Intention unterscheiden. Entweder lesen wir ein Sachbuch, weil uns das Thema als Ganzes interessiert – zum Beispiel, weil wir uns aus einer Biografie ein möglichst umfassendes Bild eines Menschen erhoffen. Oder wir sind auf der Suche nach der Antwort auf eine ganz bestimmte Frage.

Für beide Fälle brauchen wir jeweils eine andere Lesestrategie.

Möchten wir uns allgemein über ein Thema informieren, ist es ratsam, zunächst einmal die Einleitung des Buches zu lesen. Oder das erste Kapitel. Daraus können wir schon genug Informationen entnehmen, um sagen zu können, ob uns ein Buch weiterbringt oder nicht.

Interessanter ist jedoch, wie wir innerhalb eines Sachbuchs Antworten auf unsere spezifischen Fragen finden.

Auf der Suche nach Antworten

Wir stehen vor einer spezifischen Frage. Etwa, weil wir für unser aktuelles Projekt einen Fakt wissen müssen. Eine Antwort, so hoffen wir, finden wir in dem vor uns liegenden Sachbuch. Nun können wir natürlich das gesamte Buch durchackern und hoffen, das Gewünschte zu finden. Doch es gibt eine sehr viel schnellere Strategie, die man sich gerade im universitären Rahmen sehr schnell angewöhnt oder zumindest angewöhnen sollte – sonst arbeitet man sich zu Tode.

Der erste Blick sollte uns ins Inhaltsverzeichnis des Buches führen. Mit etwas Glück hat das Buch sprechende Kapitelüberschriften oder gar kurze Erläuterungen zu den Kapiteln. Daraus können wir schon einmal entnehmen, ob das Thema, das uns interessiert, im Buch überhaupt gestreift oder gar beantwortet wird. Idealerweise finden wir sogar das Kapitel mit der gesuchten Antwort.

Bevor wir uns jedoch genau auf dieses Kapitel stürzen, sollten wir noch zwei andere Bereiche des Buches zumindest querlesen. Die Einleitung und das Schlusskapitel.

Der Blick in die Einleitung

Idealerweise umreißt die Einleitung die eigentliche Problemstellung des Buches. Oft findet sich dort auch ein Abriss des aktuellen Forschungsstands, sodass wir eventuell bereits weitere Titel auf unsere Leseliste setzen können.

So erfahren wir auf der Sachebene schon einmal, ob das Buch uns überhaupt Antworten liefern kann. Denn auch wenn sich ein Kapitel mit unserem Thema befasst, heißt es noch lange nicht, dass es den für uns wichtigen Aspekt berührt. So wird uns etwa ein Buch zur Chemie der Milch erläutern, welche molekularen Vorgänge beim Sahneschlagen passieren. Doch wir werden keine Anleitung erhalten, mit der wir richtig schön steife Sahne erzeugen können.

Noch viel wichtiger ist jedoch: Die Einleitung sollte die Prämisse des Buches darstellen. Jeder hat schon einmal die Erfahrung gemacht: Ein Text liest sich als klar, überzeugend und stringent. Doch rückblickend erweist er sich als völlig falsch, da der Autor von einer falschen Prämisse ausgeht. So wird etwa ein astronomisches Sachbuch, dessen Autor zugleich überzeugter Astrologe ist, möglicherweise nur begrenzt wissenschaftlich nachvollziehbare Informationen liefern.

Man sollte also die Prämisse eines Buches genau unter die Lupe nehmen. Denn hieraus ergibt sich Gültigkeit und Glaubwürdigkeit.

Nota bene: Das gilt besonders für die vielen Bücher, die sich im Großen und Ganzen in die Literatur der Verschwörungstheorie einordnen lassen. Gerade bei besonders spektakulären Sachbüchern aus diesem Bereich sollte man sehr genau darauf achten, ob die Prämisse des Buchs tatsächlich auf Sachinformationen oder lediglich auf Spekulationen beruht.

Das Schlusskapitel

Ein wirklich gutes Sachbuch fast im Schlusskapitel die gesamte Argumentation noch einmal zusammen, um dann übersichtlich die wesentlichen Thesen und Ergebnisse zu präsentieren. Ergänzend findet sich manchmal ein Ausblick.

Bleibt das Buch auch hier im Ungefähren, Spekulativen, kann man es getrost beiseitelegen.

Das Kapitel mit der Antwort

Jetzt können wir endlich einen Blick in das Kapitel werfen, von dem wir uns eine Antwort erwarten. Eventuell müssen wir jedoch, um eine Argumentation vollständig nachzuvollziehen, noch in die umliegenden Kapitel schauen.

Wie dokumentiere ich nun die Antwort?

Gerade, wenn ich auf der Suche nach einer spezifischen Antwort im Rahmen einer Recherche bin, möchte ich diese Antwort natürlich möglichst schnell griffbereit haben. Dazu will ich nicht jedes Mal zum Buch greifen müssen, speziell, wenn ich es nur entliehen habe.

Deshalb führe ich bei meinen Projekten ein sogenanntes Recherchedokument, in dem ich nicht nur das Wissen in eigenen Worten zusammenfasse, sondern, wenn sinnvoll, auch sogenannte Exzerpte niederschreibe, also längere oder kürzere Passagen aus dem Text. Das gilt natürlich besonders dann, wenn ich vorhabe, das Buch zu zitieren. Entsprechend notiere ich mir natürlich auch solche Dinge wie Seitenzahlen.

Wie überprüfe ich den Wahrheitsgehalt?

Um den Wahrheitsgehalt eines Sachbuchs zu beurteilen, genügt oft schon ein Blick auf den Autor. Ein anerkannter Experte, der zudem ein wissenschaftliches Sachbuch schreibt, wird zumindest sehr viel Arbeitszeit darauf verwenden, seine Funde und Erkenntnisse auch zu belegen und im sogenannten Peer Review überprüfen zu lassen. Auch wenn er ein populärwissenschaftliches, sogenanntes Special Interest Buch verfasst, wird er diesem ähnliche Sorgfalt angedeihen lassen. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen von der Regel. Man sollte sich also die kollegialen Rezensionen eines Buches zu Gemüte führen.

Auch im Buch selbst sollten sich ausreichend Belege finden. Wenn eine Argumentationskette zu spekulativ ist und zu viele Annahmen macht, die nicht belegt sind, ist das zumindest ein Warnsignal.

Und letztlich sollte man sich auch auf sein eigenes Wissen oder Bauchgefühl verlassen. Es lohnt sich in jedem Fall, auch gesicherte Erkenntnisse über eine zweite Quelle zu bestätigen. Speziell, wenn man sie selber verwenden möchte.

Ein letztes Wort zur Qualität eines Sachbuchs

Jedem ist wohl schon mal ein Buch begegnet, bei dem man bei jeder Zeile nickt und sagt: „Ja, genauso ist es!“

Viele Sachbücher, speziell aus dem Segment Ratgeber und Lebenshilfe, haben genau daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Sie bestätigen einem einfach nur, was man ohnehin schon weiß: In einer Mischung aus netten Geschichten und schönen Allgemeinplätzen validieren sie unser Dasein. Das ist natürlich auch mal recht schön, bringt einen jedoch nicht unbedingt weiter. In seiner berühmten „Anleitung zum Unglücklichsein“ hat Paul Watzlawick übrigens genau diese Form der Ratgeber parodiert.

Deswegen ist mein persönliches Qualitätskriterium für ein Sachbuch der Anteil der Dinge, die ich bis dato noch nicht wusste und die mich – idealerweise – zum Nachdenken bringen. Ich habe das Buch schließlich aufgeschlagen, um Neues zu erfahren.