Ausrufezeichen – Fluch oder Segen?

Ausrufezeichen – Fluch oder Segen?

Zu! Viele! Ausrufe! Zeichen! Sind! Ganz! Schön! Anstrengend!

Hast du gerade beim Lesen auch gefühlt? Diese seltsame innere Anspannung, wenn jedes einzelne Wort wie ein kleiner, aggressiver Hammerschlag auf die eigene Großhirnrinde einwirkt? Willkommen im Kern unseres heutigen Themas. Heute begeben wir uns auf einen Ausflug in die faszinierende, manchmal aber auch sehr laute Welt der Zeichensetzung. Wir widmen uns einem Satzzeichen, das die Gemüter erhitzt wie kaum ein zweites: dem Ausrufezeichen.

Ist es ein unverzichtbares Stilmittel, um Emotionen Ausdruck zu verleihen, oder doch eher eine typografische Plage, die unsere Texte verschandelt? Begeben wir uns gemeinsam auf Spurensuche.

Die eiserne Regel des Elmore Leonard

Wenn man über Ausrufezeichen spricht, kommt man an einer bestimmten Autorität nicht vorbei. Sprachpapst Eloquens XIII. würde es vielleicht so formulieren:

»Ausrufezeichen sollst du sparsam verwenden. Mehr als zwei bis drei auf 100.000 Wörter sind von großem Übel.«

Das klingt dogmatisch, ist aber – salopp paraphrasiert – eine der berühmtesten »Ten Rules of Writing« des amerikanischen Schriftstellers Elmore Leonard. Und Leonard weist mit dieser strengen Vorgabe auf ein wesentliches und allgegenwärtiges Problem hin: die völlige Inflation dieses Satzzeichens.

Achten Sie einmal bewusst darauf. In Büchern, in Zeitschriften, in den unendlichen Weiten der Internet-Kommentarspalten und natürlich ganz besonders in der Werbung: Überall werden wir mittels Ausrufezeichen geradezu angeschrien. Oft und gerne tritt dieses Phänomen in einer besonders toxischen Kombination auf – nämlich Hand in Hand mit kompletten Wörtern oder Sätzen in GROSSBUCHSTABEN.

AUSRUFEZEICHEN!

Es scheint, als müssten viele die fehlende inhaltliche Durchschlagskraft ihrer Texte durch typografische Lautstärke kompensieren.

Die Anatomie der Empörung: Ein Internet-Phänomen

Neben der Kombination mit Großbuchstaben wird dieses Satzzeichen besonders gerne in Reihe geschaltet. Je empörter der Internet-Kommentar, desto länger die Kette der vertikalen Striche.

AUSRUFEZEICHEN!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Doch die digitale Evolution hat eine noch weitaus kuriosere Form der Rudelbildung hervorgebracht. Sehr häufig findet sich in den Weiten sozialer Netzwerke und Foren nämlich folgendes Bild:

AUSRUFEZEICHEN!11111!!!11!!!!

Was auf den ersten Blick wie ein geheimer Code aussieht, hat einen denkbar banalen Ursprung. Diese seltsame Erscheinung ist schlicht und ergreifend der Tatsache geschuldet, dass das Ausrufezeichen auf einer normalen, handelsüblichen Computertastatur über der Ziffer Eins liegt. Kommentierenden rutscht in ihrer rasenden Erregung, während sie wütend auf die Tasten einhämmern, schlichtweg gerne mal der Finger von der Shift-Taste ab. Aus dem Ausrufezeichen wird ungewollt die Eins.

Im Usenet, einem textbasierten Vorläufer unseres heutigen World Wide Web, das heute von den meisten nur noch zum Austausch von Dateien genutzt wird, hat sich genau aus diesem motorischen Missgeschick ein handfestes Meme entwickelt, das bis heute überlebt hat:

AUSRUFEZEICHEN!EinsElf!

Dieses Meme ist die ironische Brechung des empörten Schreihalses. Aus all diesen Beobachtungen folgt zwingend die allererste, unumstößliche Regel für den Einsatz von Ausrufezeichen. Um noch einmal unseren Sprachpapst Eloquens XIII. zu bemühen:

»Ausrufezeichen treten stets alleine auf, denn der Gott der Sprache hat sie geschaffen, um in Einsamkeit zu verharren und so ihre Botschaft umso strahlender zu verkünden.«

Machen wir es also kurz und schmerzlos: Immer nur ein Ausrufezeichen. So sehr auch der Finger juckt.

Der semiotische Stressor

Aber kehren wir zurück zu Elmore Leonard und seinem eingangs erwähnten Rat, Ausrufezeichen nur äußerst sparsam zu verwenden. Er hat mit seiner strengen Quote natürlich vollkommen recht. Um an dieser Stelle für einen kurzen Moment semiotisch zu werden:

Ausrufezeichen sind extrem starke Zeichen. Und genau wie in der echten Welt nutzen sich starke Reize sehr schnell ab. Das führt zu zwei möglichen Reaktionen bei der Leserschaft.

Bestenfalls nehmen Lesende die Ausrufezeichen nach einer Weile gar nicht mehr bewusst wahr. Das Gehirn blendet sie aus, versteht sie als normale Punkte – oder die Lesenden fühlen sich einfach nur in ihrem natürlichen Lesefluss gestört. Es holpert.

Schlimmstenfalls passiert jedoch etwas anderes. Für Menschen wie mich, die Gelesenes im Kopf gesprochen hören (die also eine ausgeprägte innere Lesestimme haben), wird ein Text voller Ausrufezeichen zu einem enormen Stressor. Der Text schreit uns in unserem eigenen Kopf ununterbrochen an. Das macht die Lektüre rasch zur reinen Qual. Ratet mal, wie schnell ich so ein Buch wieder zuschlage? Richtig.

Die Grammatik des Schreiens: Wo gehören sie denn nun hin?

Aber mal umgedreht gefragt: Wenn wir sie so sparsam verwenden sollen, wo gehören Ausrufezeichen denn dann überhaupt hin?

Wie der Name schon treffend sagt, verweisen Ausrufezeichen auf einen spezifischen Sprechakt – den Ausruf. Mehr noch: Sie zeigen eine sogenannte Sprachhandlung an. Das bedeutet, es handelt sich um eine Handlung, die allein mittels Sprache ausgeführt wird. Primär gehören Ausrufezeichen also in das Reich der wörtlichen Rede.

Doch auch dort dürfen sie sich nicht wild vermehren. Ihr Einsatz ist streng beschränkt auf genau drei Typen von Sätzen: Ausrufe, Befehle und Wünsche.

Schauen wir uns diese drei Kategorien im Detail an.

1. Ausrufe

Ausrufe können in zwei unterschiedlichen Formen auftreten. Zunächst als reale, klassische Ausrufe:

  • Ausruf»Aua!«
  • Ausruf»Oha!«
  • Ausruf»Schweinepuckel!«
  • Ausruf»Oh la la!«

Solche Interjektionen verlangen zwingend nach einem Ausrufezeichen. Die zweite Form sind ausrufähnliche Ausdrücke – also ganze Sätze oder Teilsätze, die ihr ganz natürlich mit erhobener, lauter Stimme sprechen würdet:

  • Ausruf»Du verdammter Pandaprügler!«
  • Ausruf»Ihr seid alle Schweinepriester!«

2. Befehle

Auch Befehle begegnen uns in zwei Geschmacksrichtungen. Zum einen haben wir den direkten Befehl:

  • Ausruf»Rechts um!«
  • Ausruf»Prügele gefälligst keine Pandas!«

Auf solche direkten Befehle folgt in der Grammatik praktisch immer ein Ausrufezeichen. Sie dulden keinen Widerspruch, und die Zeichensetzung unterstreicht diese Härte.

Allerdings gibt es Ausnahmen und Grauzonen, besonders wenn Begleitsätze ins Spiel kommen. Bei folgendem Beispiel könnte das Ausrufezeichen auch entfallen:

  • Ausruf»Setzen Sie sich«, befahl er mit ruhiger Stimme.

Hier steht ein Ausrufezeichen vielleicht der Gesamtintention des Satzes – nämlich der ruhigen Stimme – entgegen. Das ist klassische Abwägungssache des Autors. Persönlich würde ich hier das Ausrufezeichen weglassen. Ein allzu akribischer, regelvernarrter Lektor würde es aber wohl wieder einfügen.

3. Wunschsätze

Kommen wir zur letzten Kategorie von Sätzen, die ein Ausrufezeichen erfordern beziehungsweise erlauben: Die Wunschsätze.

  • Ausruf»Hätte ich bloß keinen Panda gehauen!«

Solche Sätze können wir als Stoßseufzer gen Himmel verstehen. Es sind emotionale Entladungen, und somit fungieren sie als Ausrufe. Genau daraus legitimiert sich das Setzen des Ausrufezeichens.

Der typografische Exot: Das Interrobang

Es gibt eine faszinierende Sonderform des Wunschsatzes, die gleichzeitig besonders typisch für die wörtliche Rede und dennoch extrem selten ist. Sie vereint eine Frage und einen Wunsch, beziehungsweise eine Frage und einen Befehl zu einer einzigen, gen Himmel ausgestoßenen rhetorischen Frage.

Hier haben wir die Qual der Wahl. Wir können solch einen Satz mit einem Fragezeichen beenden und betonen damit in erster Linie den Fragecharakter des Satzes:

  • Ausruf»Warum immer ich?«

Mit einem Ausrufezeichen hingegen betonen wir den Ausrufcharakter – wer hätte das gedacht:

  • Ausruf»Warum immer ich!«

Wir können aber auch beides vereinen. Dafür gibt es ein selten genutztes, aber durchaus zulässiges Satzzeichen: das »Interrobang« (‽), welches das Frage- und Ausrufezeichen in einer einzigen Glyphe kombiniert.

  • Ausruf»Warum immer ich‽«

Für diejenigen unter euch, die sich jetzt fragen, wie dieses exotische Zeichen auf dem eigenen Bildschirm erzeugt wird: Der Alt-Code dafür lautet 8 2 5 3. Die exakte Eingabe solcher Alt-Codes unterscheidet sich jedoch von Betriebssystem zu Betriebssystem, daher muss ich euch hierfür an die Suchmaschine eurer Wahl verweisen.

Jenseits der wörtlichen Rede

Okay, fassen wir zusammen: Ausrufezeichen gehören nur zu Ausrufen, Befehlen und Wunschsätzen. Das ist eine klare, gut zu merkende Regel.

Aber gibt es Ausnahmen? Dürfen wir das Ausrufezeichen noch in anderen Fällen verwenden?

Nun, »dürfen« ist immer so ein hartes Wort. Es hindert einen wirklich niemand daran, einen Text mit Ausrufezeichen nur so zu pfeffern. Doch wir sollten den Einsatz strikt auf die genannten Fälle beschränken.

Aber: Ausrufe, Befehle und Wünsche sind natürlich nicht nur auf die klassische wörtliche Rede beschränkt.

Selbstverständlich lässt sich ein Befehl auch per Textnachricht erteilen:

Komm sofort nach Hause! – Gruß, Mama

Und natürlich finden sich emotionale Ausrufe oder Wünsche auch im inneren Monolog von literarischen Charakteren:

Verdammt! Jetzt war der verfluchte Schlüssel abgebrochen. Wie soll er so rechtzeitig nach Hause kommen‽ Wäre er doch gleich daheimgeblieben!

Auch hier gilt natürlich weiterhin das oberste Gebot der Sparsamkeit.

Der Sonderfall: Die Werbesprache

Zuletzt begegnen uns Ausrufe und Befehle massiv in unserem Alltag – nämlich in der Werbesprache:

  • AusrufJetzt neu!
  • Ausruf50 % Rabatt!
  • AusrufJetzt probieren!

Auch hier sind die Ausrufezeichen völlig legitim. ABER – und das geht an alle Werbetexter*innen da draußen, aber vor allem an mich selbst: Nicht jede Headline, nicht jeder Slogan ist ein Ausruf oder ein Befehl. Und selbst dann ist ein Ausrufezeichen nicht immer zwingend notwendig.

Deshalb kamen diese beiden folgenden Slogans ganz ohne Ausrufezeichen aus, obwohl es sich dabei um einen Ausruf beziehungsweise um eine Handlungsaufforderung handelt:

  • AusrufIch liebe es
  • AusrufCome in and find out

Ihr kennt sicher die Marken, zu denen diese ikonischen Slogans gehören.

Fazit

Jetzt seid aber ihr an der Reihe: Wie haltet ihr es mit Ausrufezeichen? Wie verwendet ihr sie? Was empfindet ihr, wenn ihr in Texten auf welche stoßt? Sagt es mir in den Kommentaren.

Und wenn ihr weitere Fragen rund um das große Thema »Schreiben« habt: Schickt mir eine Mail an he****@*********rz.de.

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