Prolog: Worte sind meine Droge
Romane, Sachbücher, Zeitschriften, Zeitungen, Blog-Einträge, Nachrichten-Sites von Politik bis Klatsch & Tratsch, Social-Media-Posts, Broschüren, Bedienungsanleitungen – ja, selbst die Liste der Inhaltsstoffe auf einer Shampoo-Flasche ist nicht sicher vor mir: Ich bin süchtig. Worte sind die Droge meiner Wahl. Und damit bin ich nicht allein – es geht vielen meiner schreibenden Kolleginnen und Kollegen genauso.
Umso erstaunter war ich über den folgenden Dialog mit einer jungen Frau nach einer meiner Lesungen. Und nein, den habe ich mir nicht ausgedacht. Sie war auch keine zehn Jahre alt, sondern durchaus im jüngeren Erwachsenenalter.
Sie: »Ich möchte gerne schreiben.«
Ich: »Gute Idee. Und was?«
Sie: »Ich weiß nicht. So ein Buch halt.«
Ich: »Was lesen Sie denn gerne?«
Sie: »Wieso lesen? Muss ich zum Buchschreiben lesen?«
Ich: »Ja. Natürlich.«
Sie: »Lesen ist doch doof.« (ein genervtes Seufzen, als ich ihr nicht zustimme) »Und was so?«
An dieser Stelle habe ich mir wieder einmal gewünscht, so schlagfertig zu sein wie meine Romanfiguren. Doch anstatt eines geistreichen Aperçus kam nur ein »Äh … Ja …« über meine Lippen.
Ich habe die junge Frau nicht wiedergesehen. Auch nichts von ihr gehört. Eine große schriftstellerische Karriere scheint ihr also nicht beschieden worden zu sein – zumindest bisher. Daher hier die Antwort, die ich ihr auf ihre Frage eigentlich schulde:
Offener Brief an eine Nicht-Leserin, die schreiben will
Liebe junge Dame,
nun bin ich wahrlich ein Freund des Schreibens als Volkskunst und mag daher Ihren Plan, ein Buch zu schreiben, nicht gleich verdammen. Aber dennoch möchte ich einige Worte an Sie richten:
Ich habe Schreibende aller Lebenspfade getroffen. Selbst ein schwerer Legastheniker war darunter. Manche von uns rasen durch Seiten und können sie auch Tage später noch fast wörtlich wiedergeben; andere müssen jedes Wort mit den Lippen formen. Manche verdauen Heidegger ohne bleibende Schäden, für andere ist beim Kriminalroman die Grenze ihres Intellekts erreicht.
Doch uns alle eint eins: Wir lesen. Viel.
Aber allen Spott, alle Vorurteile, alle Unkerei über den Untergang des Abendlandes mal beiseitegelassen: Ihre Frage »Und was so?« ist durchaus valide.
Soweit der Brief. Denn diese Frage betrifft uns am Ende alle, egal ob wir gerade unseren ersten Absatz tippen oder den zehnten Roman lektorieren. Wer schreiben will, muss lesen. Doch die Welt der Literatur ist ein dichter Dschungel. Was genau sollten wir also auf unsere literarische Speisekarte setzen? Und was dürfen wir getrost ausspucken?
Kapitel 1: Die literarische Speisekarte (Was wir lesen sollten – und was nicht)
Gehen wir die Gänge einfach der Reihe nach durch. Hier ist das Menü für alle, die das Schreiben ernst nehmen.
Was du lesen solltest
»Gute Literatur«
Jetzt bist du bestimmt verschreckt und fühlst dich an die Traumata aus dem Deutschunterricht erinnert. Daran, wie man dich mit Texten bewarf, für die du vielleicht noch nicht reif warst, nur um dich dann mit Fragen zu bombardieren, die zumeist auf eine einzige hinausliefen: »Was will uns der Autor damit sagen?«
Vergiss das Gelernte. Greif erneut nach Klassikern und modernen Klassikern (Listen findest du online und offline zuhauf) und entdecke sie neu. Du wirst rasch feststellen, dass diese Bücher aus gutem Grund noch immer gelesen werden: Manche sind wunderschön, manche bizarr-faszinierend, manche treiben einem die Bilder und Sätze wie mit Faustschlägen ins Hirn – doch kaum eines ist ohne Wirkung.
Weltwissen
Wenn du schreiben willst, kannst du eigentlich nie genug wissen. Deshalb ist mindestens jeder zweite Text, den ich lese, ein Sachtext. Philosophie, Politik, aber auch Psychologie, Naturwissenschaften oder Wirtschaft. Ich persönlich lasse mich von meinem Interesse und meiner Neugierde leiten. Und genau dazu kann ich dir nur raten.
Gattung und Genre
Wenn du Texte schreiben willst, musst du genau die Art von Texten lesen, die du erschaffen möchtest. Du willst Romane schreiben? Dann lies Romane. Du willst Drehbücher schreiben – also Texte und Dialoge für Filme und Fernsehsendungen? Dann musst du Drehbücher lesen (und Filme sehen). Steckt in dir ein Dichter, der seine Gedanken in Versen niederlegen will? Dann musst du Gedichte lesen – und sei es nur aus Solidarität: Poesie, so sagen böse Zungen, ist die einzige Literaturgattung, die mehr Schreibende als Lesende aufweisen kann.
Das Gleiche gilt für Genres: Liebesromane, Krimis, Fantasy oder Thriller. Alle Genres haben Konventionen und Spielregeln – von der Sprache über den Szenen- und Handlungsbau bis hin zum Umgang mit den Leserinnen und Lesern. Die musst du kennen, auch wenn du von Regeln nichts hältst. Nur dann kannst du sie auch richtig brechen.
Oh Gott, so viel lesen? Ach, komm schon. Du willst doch – sagen wir mal – Krimis schreiben, weil du Krimis magst, oder? Ich mach das genauso. Ehrenwort. Für meinen Roman »African Boogie« habe ich mich durch die gesammelten Werke von Agatha Christie und Dorothy L. Sayers gelesen; für »Dolphin Dance« durch die Klassiker der Schwarzen Serie. Jeweils mit Genuss – und mit beruhigtem Gewissen, da ich mir die Lektüre dieser vermeintlich trivialen Literatur selbst als Recherche verkaufen konnte.
Fachwissen
Apropos Recherche: Nirgendwo bekommst du geballt so viel Fachwissen geboten wie in Büchern. Versprochen. Im Rahmen meiner Katharina-Klein-Krimis habe ich alles gesammelt, was mir zu Kriminologie, Kriminalistik, Rechtsmedizin und Kriminalgeschichte in die Finger gekommen ist. Auch das Strafgesetzbuch (StGB) und die Strafprozessordnung (StPO) waren vor mir nicht sicher. Du weißt schon: Das sind die Bücher, in die der Richter guckt, um zu erfahren, wie lange böse Menschen in den Knast müssen.
Was du NICHT lesen musst
Ja, du hast richtig gehört. Du bist jetzt vermutlich erleichtert: Es gibt Bücher, deren Lektüre du dir getrost ersparen kannst.
Die »Bestsellerlisten«
Jene Bücher also, die gerade alle kaufen und lesen. Hin und wieder magst du sicher mal der Versuchung erliegen und nach einem Band auf diesen Listen greifen – und sei es nur, um zu wissen, was gerade so in ist. Das ist auch völlig in Ordnung. Aber tiefgreifend Neues wirst du dort selten erfahren. Ich zumindest war bei meinen Versuchen in den letzten Jahren oft enttäuscht – Ausnahmen wie »Darm mit Charme« oder die »Känguru-Chroniken« bestätigen die Regel.
Zudem kommen Bestsellerlisten – und noch viel schlimmer: die von Kritikern und sonstigen Experten zusammengestellten »Bestenlisten« – gerne mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Du denkst, ich bin gerade streng mit dir? Dann hör diesen Listen mal zu: »DAS MUSST DU GELESEN HABEN! ODER DU BIST DOOF! UNGEBILDET! EIN SCHLECHTER MENSCH!«, schreien sie dir in Buchhandlungen und aus den Feuilletons entgegen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich kann da sehr gut weghören.
99 % aller Schreibratgeber
Jawoll. Deshalb darfst du jetzt diesen Text auch zerknüllen.
Halt! Nein! Nicht den Computermonitor!
Ich spreche natürlich von den Ratgebern in Buchform – unter denen es selbstverständlich auch zahlreiche gute Titel gibt (ich nenne dir später noch meine Favoriten). Mein Tipp: Schau dir genau an, wer dich dort belehren will. Anders als in der Schule kannst du dir deine Lehrer nämlich aussuchen. Die Chancen stehen gut, dass du von Stephen King oder Elizabeth George mehr über das Erzählen von Geschichten lernst als vom Preisträger der Goldenen Himbeere für das schlechteste Drehbuch.
Schlechte Bücher!
Und damit meine ich ausnahmsweise nicht jene Titel, auf die alle naserümpfend mit den Fingern zeigen (und die dann doch heimlich unter der Bettdecke gelesen werden), sondern jene, die dir subjektiv nicht gefallen. Die du schlecht findest oder – das tödlichste aller literarischen Urteile – langweilig. Das Leben ist zu kurz, um sich mit Büchern herumzuärgern, die man eigentlich nicht lesen will.
💡 Takeaway: Deine literarische Speisekarte
Kapitel 2: Wie ein Dieb in der Nacht: Fiktion analytisch lesen
Lesen darf (und soll) Spaß machen. Ja, auch uns Schreibenden. Denn wie wollen wir Freude spenden, wenn wir sie nicht empfinden? Dennoch sollten wir uns ein paar Gedanken darüber machen, wie wir vom Lesen für unser Handwerk profitieren – jenseits der Osmose, die ohnehin stattfindet, wenn man sich guter Kunst in ausreichendem Maße aussetzt.
Die 80/20-Regel des Lesens
Bist du überrascht, wenn ich dir sage: Rein in den Ohrensessel oder ab ins Bett – und los geht’s? Ich hatte es doch schon gesagt: Lesen darf und soll Spaß machen. Und genau mit dieser Haltung werden später auch deine Leser an deine Texte herangehen. Außerdem ist Lesen für uns auch Freizeitgestaltung. Wenn wir es anstrengend wollen, können wir schließlich einen Dauerlauf machen.
Doch worauf achten wir? Ich wage mal zu behaupten: Etwa achtzig Prozent der Bücher, die wir lesen, erfüllen ihren Job unauffällig und unterhalten uns mal mehr, mal weniger gut.
Interessant wird es bei den restlichen zwanzig Prozent: Das sind die Bücher, die uns entweder besonders packen (nennen wir sie der Einfachheit halber besonders gute Bücher), oder jene, die uns über die Maßen langweilen, über die wir uns ärgern oder die gar physisches Unwohlsein erregen: die besonders schlechten Bücher. Was wir mit letzteren anstellen, klären wir in einem späteren Kapitel.
Die besonders guten Bücher jedoch lohnen fast immer einen zweiten Blick – und sei es nur, um das Lesevergnügen zu wiederholen. Weil wir Schreibenden aber immer auch Lernende sind, bringt uns eine analytischere Zweitlektüre genauen Aufschluss darüber, warum uns ein Buch so gut gefällt.
Einen zweiten Blick lohnen übrigens auch besonders erfolgreiche Bücher. Ich meine damit nicht zwingend die schnelllebige Bestsellerliste, sondern Klassiker, die sich seit Jahrzehnten halten – vor allem jene im eigenen Genre. Für mich als Krimiautor ist die Lektüre von Agatha Christie noch immer grandioser Anschauungsunterricht im ökonomischen und fesselnden Erzählen.
Vergiss den Deutschunterricht: »Wie zum Teufel ist das gemacht?«
Den einen oder anderen mag es jetzt gruseln. Fühlst du dich wieder an den Deutschunterricht erinnert? An die dräuende Frage: »Was will uns der Autor sagen?« Andere werden jetzt vielleicht abwinken: Analytisch lesen? Kenn ich. Kann ich.
Nur: Die klassische Frage nach der Bedeutung bringt uns als Autoren nicht unbedingt weiter. (Womit nicht gesagt sein soll, dass man sich als Autor nicht bewusst sein sollte, was man schreibt. Das oft elegisch dahingehauchte »Ich nenne den Himmel blau, weil er blau ist; das ist die ganze Bedeutung« ist Bullshit: Gute Autoren wissen, was sie schreiben – sie ziehen es nur vor, nicht darüber zu sprechen).
Eher hilft uns der Ansatz, der danach fragt, wie sich die Bedeutung in einem Text überhaupt konstruiert. Damit kommen wir der Frage nahe, die für uns wirklich relevant ist:
»Wie ist es gemacht?«
Genau das wollen wir wissen. Wir wollen vom Text lernen, wie der Geselle von der Meisterin lernt. Und natürlich – seien wir doch mal ehrlich – wollen wir die cleversten Tricks stehlen. Wie ein Dieb in der Nacht.
Die Werkzeugkiste: Den Tricks auf der Spur
Bevor wir anfangen zu analysieren, müssen wir uns fragen: Welche Elemente eines Textes interessieren uns eigentlich besonders? Warum beeindruckt er uns? Sind es die lebendigen Charaktere? Der Plot, der uns ängstlich an den Nägeln kauend Seite um Seite umblättern lässt? Die satirischen Umschreibungen der Realität? Der ganz besondere Umgang mit Sprache?
Danach sollten wir bei der zweiten Lektüre gezielt Ausschau halten. Das klingt mühsam und ist es zuweilen auch. Gerade gute Texte sind oft sehr geschickt darin, ihre Mittel zu verbergen. Manchmal ist das Gesuchte so offensichtlich, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.
Beispiel Pacing: Ich habe mich bei einem Thriller lange gefragt, wie das Buch ein derart hohes und mitreißendes Tempo entwickeln kann. Erst beim vierten Mal Lesen ist es mir aufgefallen: Das ganze Buch steht im Präsens. Das erzeugt eine Atemlosigkeit und Unmittelbarkeit, der man sich nur schwer entziehen kann.
Beispiel Charakterbau: Ein anderes Beispiel (das ich gnadenlos übernommen habe): Ich habe mich immer gefragt, wie Agatha Christie es schafft, so interessante Charaktere zu erschaffen und gleichzeitig so ökonomisch zu erzählen.
Erstens hat jeder Charakter bei ihr stets eine ganz klare Aufgabe im Rahmen der Handlung. Niemand ist nur Zierrat. (Klingt selbstverständlich? Ist es leider nicht. Ich bin in so manchen Romanen schon vielen, sehr überflüssigen Figuren begegnet).
Zweitens beherrscht sie den Umgang mit dem Klischee perfekt. Sie erschafft Charaktere, die wir archetypisch sofort erkennen und die daher kaum Beschreibung benötigen – etwa die englische Lady auf Reisen. Interessant werden sie dadurch, dass Christie ihnen eine einzige Eigenschaft verpasst, die heraussticht. Miss Marple ist eine reizende, alte Dame in gutem Allgemeinzustand – bis auf ihre übertriebene Neugier. Justice Lawrence Wargrave in »Da waren es nur noch neun« ist der Inbegriff des britischen Justizwesens, der es mit der Gerechtigkeit dann doch etwas zu genau nimmt.
Achte mal darauf, wie Christie selbst kleine Nebenfiguren durch ein unpassendes Detail bemerkenswert macht. Ein Trick, den ich mir sofort in die eigene Werkzeugkiste gelegt habe.
Der Dialog mit den Kollegen
Das analytische Lesen von uns Schreibenden unterscheidet sich in einem Faktor ganz wesentlich von der Lektüre der Kritik oder Literaturwissenschaft: Wir sind nicht um Allgemeingültigkeit bemüht. Wir lassen uns von unserer ganz individuellen Leseerfahrung leiten. Wir treten in einen Dialog mit den Kollegen – meiner Meinung nach eine bessere Schule als alle Patentrezept-Schreibratgeber der Welt zusammengenommen.
Dieser Dialog muss übrigens nicht nur in deinem Kopf oder textimmanent stattfinden. Viele Kolleginnen und Kollegen geben gerne Auskunft, wenn man ihnen eine klare Frage stellt. Andreas Eschbach zum Beispiel hat eine ganze Abteilung seiner Website diesen Fragen gewidmet.
Wundere dich aber nicht, wenn der angesprochene Autor selbst ganz überrascht ist, wenn du ihm eine Beobachtung schilderst. Von mir wollte zum Beispiel ein Leser einmal wissen, warum ich Personen häufig anhand ihres Handschlags charakterisiere – und ob das eine bewusste Art von »Show, don’t tell« sei. Mir war das bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht aufgefallen! Aber der Leser hatte recht: Der Handschlag ist eine Handlung, die sich rasch in Worte fassen lässt und sehr viel über eine Person aussagt. Ich beurteile Menschen auch im Alltag oft danach.
Anders ausgedrückt: Ich bin zwar alles andere als berühmt und selbst ein Lernender, aber wenn du Fragen hast, antworte ich gerne. Sofern ich es vermag.
💡 Takeaway: Fiktion analytisch lesen
Kapitel 3: Der Röntgenblick: Sachbücher sezieren statt konsumieren
Ob für die knallharte Fakten-Recherche oder einfach aus purer Neugier: Wir Schreibenden greifen oft und gerne zum Sach- oder Fachbuch. Doch wie liest man so einen Wälzer richtig und zielführend? Wie bewertet man den Inhalt?
Dazu sollten wir uns im Wesentlichen eine einzige Frage stellen. Und ja, es ist exakt jene Frage, die wir im letzten Kapitel bei der Fiktion noch so leidenschaftlich aus dem Fenster geworfen haben:
»Was will uns der Autor damit sagen?«
Bei Sachbüchern ist diese Frage plötzlich überlebenswichtig. Gehen wir davon aus, dass du das nötige Vorwissen mitbringst. Wenn dir der Inhalt eines Sachbuchs dann noch immer unklar ist oder der Autor dich bewusst im Unklaren und Ungefähren zurücklässt, ist dieses Buch für dich – und deine Recherche – völlig nutzlos.
Erkenntnisgewinn vs. Zeitverschwendung (Der Bullshit-Detektor)
Jedem ist wohl schon mal ein Buch begegnet, bei dem man bei jeder Zeile nickt und sagt: »Ja, genauso ist es!« Viele Sachbücher – speziell aus dem Segment Ratgeber und Lebenshilfe – haben genau daraus ein lukratives Geschäftsmodell gemacht. Sie bestätigen dir einfach nur, was du ohnehin schon weißt. In einer Mischung aus netten Geschichten und schönen Allgemeinplätzen validieren sie unser Dasein. Das ist natürlich auch mal recht schön fürs Ego, bringt dich als Autorin oder Autor jedoch nicht unbedingt weiter. (In seiner berühmten »Anleitung zum Unglücklichsein« hat Paul Watzlawick genau diese Form der Ratgeber meisterhaft parodiert).
Deswegen ist mein persönliches Qualitätskriterium für ein Sachbuch ein ganz simples: Wie hoch ist der Anteil der Dinge, die ich bis dato noch nicht wusste – und die mich idealerweise zum Nachdenken bringen? Wir schlagen diese Bücher schließlich auf, um Neues zu erfahren.
Die Universitäts-Strategie: Gezielt Antworten finden
Es gibt zwei Arten, ein Sachbuch zu lesen. Entweder liest du es, weil dich das Thema als Ganzes interessiert (z.B. eine Biografie). In diesem Fall reicht es oft, die Einleitung oder das erste Kapitel anzulesen, um zu wissen, ob der Stil für dich passt.
Interessanter wird es, wenn du auf der Suche nach einer ganz bestimmten Antwort für dein aktuelles Schreibprojekt bist. Du könntest jetzt natürlich das gesamte Buch durchackern und hoffen, irgendwann über den gesuchten Fakt zu stolpern. Doch es gibt eine viel schnellere Strategie. Wer mal an einer Universität studiert hat, kennt sie (oder sollte sie sich schnellstens aneignen, sonst arbeitet man sich zu Tode):
Handwerkszeug für die Recherche
Wenn du eine spezifische Antwort gefunden hast, willst du sie beim Schreiben später schnell griffbereit haben. Du willst nicht jedes Mal das entliehene Buch neu aufschlagen müssen.
Deshalb führe ich bei meinen Projekten immer ein sogenanntes Recherchedokument. Darin fasse ich das gesammelte Wissen in eigenen Worten zusammen. Wenn es sinnvoll ist (oder wenn ich vorhabe, das Buch direkt zu zitieren), notiere ich mir exakte Exzerpte – also kürzere oder längere Originalpassagen aus dem Text. Vergiss dabei niemals, dir die exakten Seitenzahlen zu notieren! Du wirst mir später danken.
Wie überprüfe ich den Wahrheitsgehalt?
Ganz einfach:
💡 Takeaway: Sachbücher sezieren
Kapitel 4: Die dunkle Seite der Macht: Vom produktiven Umgang mit schlechten Büchern
Die Geschmacks-Relativisten werden mich jetzt vielleicht hassen, aber sprechen wir es offen aus: Ja, es gibt objektiv schlechte Bücher. Nicht alles lässt sich einfach mit einem »unterschiedlichen Geschmack« wegerklären.
Zu den objektiv schlechten Büchern zähle ich Werke, die bewusst falsche Informationen verbreiten. Denk an durchs Internet geisternde medizinische Studien mit gefälschten Forschungsergebnissen, die bis heute fatale Auswirkungen haben. Oder denke an Bücher, die gesellschaftlich schädliche Weltbilder und Ideologien propagieren. Ein analytischer Blick in »Mein Kampf« oder in die pseudo-philosophischen Eigennutz-Traktate gewisser russisch-amerikanischer Autorinnen kann zwar aus historischer oder politischer Sicht notwendig sein, um die Abgründe des Zeitgeists zu verstehen – doch als Schreibhandwerkliche Schulung brauchen wir sie nicht.
Über diese objektiv schädlichen Bücher möchte ich hier auch gar nicht sprechen. Wir widmen uns den Büchern, die wir in unserem Ohrensessel oder am Schreibtisch subjektiv als schlecht empfinden.
Gerade in der fiktionalen Literatur gibt es dafür ein absolut klares Kriterium: Langeweile.
Warum uns ein Buch langweilt, kann viele Gründe haben: Das Thema interessiert uns nicht, das Genre ist nicht unser Fall, oder eine völlig unoriginelle Geschichte wird zum tausendsten Mal uninspiriert aufgewärmt. Wie schon in Kapitel 1 erwähnt: Diese Bücher können wir getrost beiseitelegen. Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, und es lohnt sich einfach nicht, seine Lesezeit zu verschwenden.
Es gibt jedoch zwei Ausnahmefälle, in denen sich die Auseinandersetzung mit einem subjektiv schlechten fiktionalen Text für uns Schreibende extrem lohnt:
Fall 1: Der unerklärliche Mega-Erfolg
Das Buch feiert gigantische Erfolge, oder es wird von Menschen geschätzt, auf deren Meinung wir eigentlich großen Wert legen.
Jeder kennt diesen Bestsellerautor, der in seinen Thrillern im Internet angelesenes Halbwissen intellektuell verbrämt und sprachlich von Stilblüte zu Stilblüte flattert. Oder die Romane, die auf unzähligen Seiten hochproblematische Beziehungsstrukturen romantisieren, aber millionenfach gekauft werden. Solche Phänomene lohnen einen analytischen Blick!
Frag dich hierbei:
Glücklicherweise musst du dir dafür in der Regel nicht das ganze Buch antun. Es genügt meistens, sich einen fundierten Überblick über den Text zu verschaffen und dann zu analysieren, was andere darüber schreiben.
Eine kleine Warnung bei Empfehlungen von Freunden: Manchmal ist bei Büchern, die uns wärmstens ans Herz gelegt wurden, unsere eigene Erwartungshaltung schlichtweg zu hoch – wir können fast nur enttäuscht werden. In diesem Fall lohnt es sich, das Buch wegzulegen, etwas Zeit verstreichen zu lassen und ihm später eine neue Chance zu geben. Genau auf diese Weise bin ich zum Beispiel rettungslos süchtig nach den Büchern von Neil Gaiman geworden.
Fall 2: Der Funke springt nicht über (Die Anatomie des Scheiterns)
Auch dieses Phänomen kennt jeder: Du hast dir einen neuen Roman aus deinem Lieblingsgenre gekauft, vielleicht sogar von einer geschätzten Autorin. Cover und Klappentext reißen dich mit. Die erste Seite liest du mit purer Begeisterung. Doch dann blätterst du weiter … und der Funke springt einfach nicht über. Ab Seite 30 beginnst du, dich ernsthaft zu langweilen.
Gerade wenn es sich um ein Buch aus dem Genre handelt, in dem du selbst schreibst, solltest du jetzt nicht einfach aufhören. Im Gegenteil: Schalte den analytischen Handwerker-Blick aus Kapitel 2 ein und seziere die Anatomie dieses Scheiterns. Warum funktioniert dieser Text nicht, obwohl die Prämisse großartig ist?
Wenn du es schaffst, die Schwächen dieses Buches präzise zu identifizieren und zu benennen, hast du schon 90 % des Weges zu einer wesentlichen schriftstellerischen Lektion hinter dir. Aus Fehlern lernt man – und am entspanntesten lernt man aus den Fehlern anderer.
💡 Takeaway: Schlechte Bücher lesen
Epilog: Helmuts Kanon (Dein Startschuss)
Ich sehe dich jetzt förmlich vor mir: Du bist am Ende dieses gewaltigen Leitfadens angekommen. Halb ängstlich, weil offenbar ziemlich viel analytische Lesearbeit auf dich wartet (keine Sorge: Es macht riesigen Spaß, wenn man sich mal daran gewöhnt hat!), und halb enttäuscht, weil ich dir hier zwar seitenweise kluge Ratschläge erteile, dir aber keinen einzigen Titel nenne, den du jetzt sofort aus der Buchhandlung nach Hause tragen kannst.
Also gut. So sei es. Ich halte mein Versprechen aus dem anfänglichen offenen Brief.
Hier sind fünf Bücher zum Thema »Schreiben«, die sich aus meiner Sicht absolut lohnen. Dein Rüstzeug für die eigene Karriere:
1. Dorothea Brande: Schriftsteller werden
Die berühmte Lektorin setzt sich in ihrem Buch nicht in erster Linie mit dem Erzählen selbst, sondern mit der Arbeit und der Persönlichkeit des Schriftstellers auseinander. Über den Umgang mit dem »inneren Kind« spricht sie ebenso wie über den Arbeitsplatz, die Arbeitszeit und so banale Fragen wie »Kaffee oder Tee?«. Sehr lesenswert – und die beste Einführung in die Tätigkeit des Schreibens, die ich kenne.
2. Stephen King: Das Leben und das Schreiben (On Writing)
Halb Autobiografie, halb Werkstattbericht von einem der unbestrittenen Rockstars des buchgewordenen Grusels. Der Text ist durchsetzt mit einer Vielzahl von grandiosen Tipps zum Schreiben und Überarbeiten – nebst dem besten Hinweis zum Umgang mit schlechter Kritik, den ich je gelesen habe. Welcher das ist? Nicht nur deshalb solltest du dieses Buch lesen.
3. Lajos Egri: Dramatisches Schreiben
Lajos Egri hat ganze Generationen von amerikanischen Autoren ausgebildet. Hier erfährst du alles, was du wissen musst, lernst das Grundvokabular der Dramaturgie kennen und bekommst zudem eine grundsolide Anleitung zum Schreiben an die Hand. Keine einfache Kost – aber es lohnt sich gewaltig.
4. Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten
Was haben Odysseus und James Bond gemein? Sie befinden sich – real oder metaphorisch – auf einer Reise: Der Heldenreise (Hero’s Journey), die Campbell in seinem wegweisenden Text beschreibt. Dieses zugegeben nicht ganz einfache Buch war bereits Inspiration für Generationen von Schriftstellern. Es gibt kaum einen ernsthaften Schreiblehrgang, der dieses Werk nicht ausführlich behandelt.
5. Ludwig Reiners: Stilfibel. Der sichere Weg zum guten Deutsch.
Der Band hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel und viele Beispiele haben heute eine gewisse historische Patina angesetzt. Dennoch gibt es meiner Meinung nach noch immer kein besseres Buch zur Stilschulung. Lesen. Zu Herzen nehmen. Besser schreiben.
Ich wünsche dir bei deiner künftigen Lektüre – ob analytisch oder rein zum Vergnügen – wahnsinnig viel Spaß. Schnapp dir jetzt ein Buch und leg los.
Und dann setz dich an deinen Schreibtisch. Ich harre eines Probeexemplars deines ersten Buches!
Dein Helmut Barz











