Ob du nun mit der Hand oder mit der Schreibmaschine schreibst oder wie ich ein Kind der Nullen und Einsen bist – irgendwann kommt dein Text in den Computer und du musst ihn effektiv bearbeiten können. Hier eine Marktübersicht aktueller Lösungen zur Textverarbeitung.
Lange Jahre gab es in Sachen Textverarbeitung nur wenig Auswahl – das hat sich im letzten Jahrzehnt geändert. Neben den Universal-Textverarbeitungen gibt es inzwischen auch leistungsstarke Lösungen für Belletristik-, Sachbuch- und Drehbuchautor:innen. Im Folgenden stelle ich die wesentlichen Angebote für den Desktop und online vor.
Und bevor ich es vergesse: Solltet ihr noch Programme kennen, die sich nicht auf dieser Liste befinden, dann lasst es mich wissen: helmut@helmut-barz.de
Du solltest dir bei der Auswahl mindestens zwei Fragen stellen:
Möchtest/musst du mit anderen Menschen zusammenarbeiten? Wenn ja, wie?
Suchst du eine Lösung, die eine enge und möglichst zeitsynchrone Zusammenarbeit ermöglicht – etwa, weil du mit einem Co-Schreibenden zusammenarbeitest? Das erfordert eine Lösung, die entweder ganz online stattfindet – oder die zumindest diese Option bietet.
Bei asynchroner Zusammenarbeit (etwa mit Lektor:innen oder Korrektor:innen, aber auch mit Verlagen) sollte deine Lösung das Austauschformat beherrschen (in der Regel ist dies DOCX oder RTF). Zudem muss sie die benötigten Features (etwa das Nachverfolgen von Änderungen) beherrschen. Mach dich also beizeiten schlau.
Wie werden deine Texte anschließend verarbeitet?
Kaum ein Layouter verwendet heute noch Copy & Paste, um Texte ins Layoutprogramm zu übertragen. Stattdessen setzt man auf leistungsstarke Importfilter. Auch hier ist jedoch die Auswahl des Übergabeformats beschränkt – wiederum zumeist DOCX oder RTF). Automatische Satzsysteme, wie sie bei Zeitungen und Zeitschriften zum Einsatz kommen, setzen auf solche Formate – und auch spezielle Features und Codierungen. Mach dich also auch hier schlau, was du bzw. deine Arbeitspartner benötigen.
Aber genug der Vorrede, fangen wir an.
Universell einsetzbare Textverarbeitungen
Microsoft Word – der Platzhirsch
Schon zu seligen DOS-Zeiten war Microsoft Word eine Art Standard – und die erste Iteration dieser Textverarbeitung erblickte bereits 1983 das Licht der Welt. Zudem erhielt man ab Windows 95 oft Word als kostenlose Dreingabe. So haben sich dieses Textverarbeitungsprogramm und seine Dateiformate (DOCX, zuvor DOC) rasch als Quasi-Standard durchgesetzt – Pech für Schreibende, die ihren großen Roman auf einem nicht kompatiblen System schrieben und dann nicht passend exportieren konnten. Vermutlich ist der Menschheit so das eine oder andere Meisterwerk entgangen.
Früher scherzte man übrigens gerne, wenn Word für lange Texte gedacht sei, hieße es wohl Book, denn die Software hatte lange Jahre arge Probleme mit großen Textmengen. Diese Fehler sind inzwischen ausgemerzt – ebenso die frühere Schnellspeicherungsfunktion, die einfach sämtlich Änderungen und Überarbeitungen mitspeicherte und das Dokument schneller aufgehen ließ als einen Hefekuchen.
Heute präsentiert sich Word als leistungsstarker Allrounder mit endlos vielen Funktionen, die aber vor allem auf den Einsatz im Büro ausgerichtet sind. Romanciers wie ich (ja, ich verwende Word) sind also auf zahlreiche Workarounds oder zusätzliche Programme angewiesen.
Was mir besonders zusagt, ist die Möglichkeit, in der Desktop-Version Add-Ins einzubinden, also Lösungen anderer Anbieter – wie leistungsstärkere Rechtschreibfunktionen oder Schnittstellen zu KI-Anwendungen. Apropos KI: Microsofts KI Copilot ist in aktuellen Versionen bereits integriert und ermöglicht neben generativer Texterstellung auch, Routineaufgaben zu übernehmen.
Microsoft Word ist heute Bestandteil von Microsoft Office 365, das in einer Vielzahl von unterschiedlichen Lizensierungen angeboten wird – ab 99 € pro Jahr für eine Einzellizenz. Zudem sind alle Apps dieses Pakets auch in Onlineversionen verfügbar – und der leistungsstarke Cloud-Speicher OneDrive ist auch schon mit an Bord.
Zur Produktseite von MS Office 365
Apple Pages – die schnittige Lösung für Macs und iPads
Apple Pages, Bestandteil der Software-Suite iWork, ist eine leistungsstarke Textverarbeitung für Macs und andere Apple-Produkte. Meine Erfahrung damit ist gering (ich setze von Apple nur zwei iPads ein), aber nach dem, was ich höre, ist die Anwendung leistungsstark und kommt auch – anders als andere, frühere Mac-Lösungen – mit der Option, DOCX zu speichern, ebenso wie viele andere Dateiformate. Für neuere Apple-Geräte sind die Apps dieser Suite kostenlos.
Zur Produktseite von iWork/Pages
LibreOffice – die leistungsstarke Open-Source-Lösung
LibreOffice, die kostenlos verfügbare Open-Source-Office-Suite, fußt auf dem inzwischen nicht mehr weiterentwickelten OpenOffice, das im Jahr 2000 seinen Anfang nahm, als die Quelltexte des Vorgängers StarOffice offengelegt wurden und sich eine engagierte Entwickler-Community sich dieses Programms annahm.
LibreOffice ist eine leistungsstarke Office-Suite – und die Textverarbeitung voll kompatibel zu Word, jedoch mit einer schlankeren Benutzeroberfläche. Ob man LibreOffice oder Word einsetzt, ist fast nur noch eine Geschmacks-/Workflow-Frage. Daher gehört LibreOffice zu den beliebtesten kostenlosen Programmen und es ist sowohl für Windows als auch für macOS und Linux verfügbar.
Google Docs – der Online-Star
Google Docs ist, wie auch die anderen Office-Lösungen von Google, vollständig browserbasiert und speziell auf kooperatives Bearbeiten optimiert. Die Zugriffsrechte auf Dokumente können genau justiert werden: Wer darf daran schreiben, wer darf es nicht lesen etc.?
Die Textverarbeitung präsentiert sich recht barebone, hat jedoch alles Notwendige im Gepäck und erlaubt den Export der Dateien in eine Vielzahl von Formaten.
Ich habe allerdings ein grundsätzliches Problem mit Google (was vielleicht nur emotional ist): Ich weiß nicht, wie sicher meine Daten und Dokumente langfristig sind. Und da ich auch als Copywriter arbeite (wobei auch Unternehmens-Interna über meinen Schreibtisch wandern), nehme ich Abstand von solchen Online-Lösungen. Aber vielleicht bin ich auch nur paranoid.
Zur Produktseite von Google Docs
ONLYOFFICE – Open-Source-Lösung für Online und Desktop
ONLYOFFICE ist eine Cloud-basierte Software-as-a-Service-Lösung, die sowohl im Browser als auch über Desktop-Apps verfügbar ist. Die Suite ist ausgesprochen leistungsstark, vorwiegend im Layout-Bereich, und lässt sich über Plug-ins und Add-ons erweitern. Ich habe keine Erfahrungen damit – aber wer eine Lösung für eine effektive Zusammenarbeit sucht, wird hier vielleicht fündig.
ZOHO Writer – kostenlos und online
ZOHO Writer ist eine kostenlose Textverarbeitung, die bisher nur browserbasiert verfügbar war, jetzt aber auch Desktop-Apps für Mac und Windows anbietet. Auch mit diesem Programm habe ich keine Erfahrung – aber wer nach einer Lösung sucht, die preisgünstig ist und unter vielen Oberflächen vom PC bis zum Handy funktioniert, wird hier vielleicht fündig.
Textverarbeitungen für Belletristik- und Sachbuchautor:innen
Nicht erst seit Beginn des Self-Publishing-Booms wurden Schriftsteller:innen als Zielgruppe für Textverarbeitungen erkannt, denn die oben angeführten Allrounder haben ihre Stärken eher in der Büroarbeit. Die folgenden Programme kommen daher mit einer Fülle von Werkzeugen speziell für das fiktionale Schreiben.
Papyrus – leistungsstark von der Planung bis zum Editing
Papyrus (auf verschiedenen Systemen schon seit den 90er Jahren verfügbar und jetzt in der offiziellen Version 12) ist die eierlegende Wollmilchsau unter den Programmen für Buchautor:innen. Neben einer leistungsstarken Textverarbeitung kommt das Programm mit Features wie Szenen, Notizzetteln, Personen-/Schauplatzdatenbanken und zahlreichen anderen Tools für das Planen, Plotten und Schreiben von Romanen daher. Zudem bietet es leistungsstarke Bearbeitungs- und Korrekturfunktionen, so etwa den Duden Korrektor, die wohl beste deutsche Rechtschreibprüfung auf dem Markt. In den aktuellen Versionen bietet das Programm auch umfassende Features für die eBook- und Print-Veröffentlichung.
Ich habe 2013 meinen Roman „Damenopfer – Katharina Klein in den Schlagzeilen“ auf Papyrus geschrieben, bin danach aber zu Word zurückgewechselt, da sich die Zusammenarbeit mit Verlagen noch etwas schwierig gestaltete. Die damals auftretenden Probleme sind allerdings wohl behoben – und auch in Verlagen ist Papyrus oft präsent.
Allerdings ist Papyrus auch recht teuer. Die Vollversion von Papyrus 12 kostet 349 €, Upgrades von früheren Versionen sind günstiger.
Scrivener – die internationale Konkurrenz
Scrivener ist die internationale Konkurrenz zu Papyrus. Die Stärke dieses Programms liegt in der Dokumenten- und Informationsverwaltung. Allerdings ist aktuell keine genuin deutsche Version vorhanden – die Sprache des Dokuments lässt sich jedoch anpassen.
Das Programm bietet eine kostenlose Trial-Version und die Einzellizenz kostet 69 USD.
IA Writer – fokussiertes Schreibvergnügen?
IA Writer (ein relativ neuer Player auf dem Markt) verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie Scrivener, kommt jedoch mit einer schlanken (und nach Angaben der Hersteller intuitiv bedienbaren) Oberfläche daher, die ermöglichen soll, ganz auf das Schreiben zu fokussieren – ohne Überforderung von Tausenden Tools und Möglichkeiten, wie sie reguläre Office-Suiten bieten. Ich habe leider keine Erfahrung mit dem Programm.
Aber wenn jemand eine Lösung sucht, die den Fokus der klassischen Schreibmaschine und die Möglichkeiten moderner Computer verbindet, wird hier vielleicht fündig. Die Testversion ist kostenlos, die Version für Windows kostet 34,99 €, die für MacOS 44,99 €. Die App ist zudem für iPhone und iPad verfügbar (19,99 USD).
DramaQueen – dramafrei Dramen schreiben? Und Romane? Und Kurzgeschichten? Und …?
DramaQueen, so die Selbstbeschreibung des Programms, ist auf den kreativen Schaffensprozess fiktionaler Texte ausgelegt. Mit DramaQueen lassen sich Geschichten entwickeln, schreiben und formatieren sowie visualisieren, analysieren und überarbeiten – für einen flexiblen und professionellen Workflow auf neuem Niveau. Mithilfe der optionalen KI-Einbindung könnten Texte stilistisch verbessert und lektoriert werden. Die Oberfläche von DramaQueen setzt auf intuitive Bedienbarkeit.
Dieses Programm kenne ich selbst auch noch nicht (bin aber neugierig). Das Programm gibt es in einer kostenlosen sowie in einer Plus- und einer Pro-Version (99 € bzw. 297 €).
Seite 1 – freundlich zu Autor:innen?
Seite 1 versteht sich als freundlicher Autoren-Werkzeugkasten, der zahlreiche Tools zur Planung, zum Plotting, zum Schreiben sowie zur Bearbeitung bereitstellt. Das klingt gut – doch die Website scheint ausgesprochen fehlerbehaftet und eine Bestellung (einmal 81 € inkl. Updates) ist wohl aktuell nicht möglich. Schade. Das Programm hätte ich gerne getestet.
Textverarbeitungen für Drehbuchautor:innen
Final Draft – der „Industry Standard“
Final Draft gilt als Branchen-Standard für (fiktionale) Drehbücher und bietet zahlreiche Templates, die auch in anderen Bereichen des fiktionalen Schreibens reichen. Die Textverarbeitung ist aber auf das Schreiben des recht anspruchsvollen Drehbuch-Formates mit seinen Besonderheiten ausgelegt. Das Programm bietet zudem zahlreiche Tools für das Plotten, eine „Karteikarten-Ansicht“ und vieles mehr. Zudem ist es auch auf Kooperation ausgelegt – sowie auf Versions-Management – sodass man auch bei laufender Produktion stets den Überblick behält. Allerdings erwies sich das Programm auf Windows bei meiner Arbeit damit als recht absturzanfällig – daher ist es gut, dass Final Draft exzessive Backups anlegt.
Das Programm kostet aktuell 199,99 USD. Upgrades von früheren Versionen sind für 79,99 USD zu haben. Es gibt zudem eine Abo-Möglichkeit für 8,99 USD/Monat.
Movie Magic Screenwriter
Der Movie Magic Screenwriter der Write Brothers ist im Leistungsumfang etwa ähnlich wie Final Draft und gilt als „zweiter Branchen-Standard“. Die Lizenz kostet 149,95 USD. Interessant dürfte außerdem das Stoffentwicklungstool Dramatica Pro aus dem gleichen Hause sein.
Zur Website des Movie Magic Screenwriter
WriterDuet
WriterDuet ist eine Online-Lösung für das Schreiben von Drehbüchern, das mit zahlreichen Features zur Kooperation daherkommt. Die ersten drei Projekte sind kostenfrei – das Angebot ist also einen Besuch wert.
Fade In Pro
Fade In Pro präsentiert sich mit einem ähnlichen Feature-Katalog wie Final Draft und der Movie Magic Screenwriter, kostet allerdings nur 79,95 USD.
Celtx
Celtx erblickte ursprünglich als Open-Source-Projekt das Licht der Welt und wird heute als Cloud-basierte Lösung angeboten. Das Programm ist mehr als nur ein Textverarbeitungsprogramm für Drehbücher, sondern umfasst und verwaltet alle Dokumente von der Stoffentwicklung bis zur Post-Produktion, ist also eine Office-Suite für die Filmproduktion. Das Programm war schon als Open-Source-Lösung äußerst leistungsstark und bietet für Menschen, die wie ich, Werbe- und Industriefilme entwickeln, auch die Option, mehrspaltige Drehbücher zu schreiben. Allerdings ist das Programm wohl das teuerste auf dieser Liste. Die Monatslizenz für den Einzelnutzer kostet 14,99 € bzw. 24,99 € (Writer bzw. Writer Pro) pro Monat, die Teamlizenz für bis zu 5 Nutzer kostet bereits 59,99 € pro Monat.



